Das 19. Jahrhundert war in puncto Kirchenmusik ein Schmelztiegel verschiedener Stile und nationaler Idiome, angeheizt von diversen intensiven Bemühungen um eine Erneuerung des liturgischen Repertoires – sei es mit ganz zeitgenössischen Mitteln, sei es mit einer Rückbesinnung auf die gregorianischen Choralgesänge, sei es mit einer adäquaten Mischung aus beidem. Charles Gounod, der in seiner Jugend beinahe Priester geworden wäre und der katholischen Kirche zeitlebens sehr nahegestanden hat, partizipierte mit seinen zahlreichen geistlichen Kompositionen höchst aktiv an den entsprechenden Bestrebungen seiner Zeit, wobei er u. a. Kontakt mit dem nicht minder engagierten Franz Liszt pflegte.
Zwei späte kirchenmusikalische Werke Gounods, sein postum von Henri Büsser bearbeitetes "Requiem in C" und seine "Messe chorale" für die Seligsprechung von Jean-Baptiste de la Salle, zeugen von seinem differenzierten und geschmackvollen Umgang mit dem Sujet: Im Falle der Messe durchziehen gregorianische Motive den für Chor und Orgel angelegten Satz, der über weite Strecken polyphon (in Anknüpfung an die Alten Meister), gleichzeitig melodisch ansprechend und gelegentlich auch harmonisch anspruchsvoll ausfällt. Die Verständlichkeit des Textes steht im Vordergrund, die wirkungsvolle musikalische Ausdeutung der Worte fügt sich zwanglos in dieses Konzept.
Im "Requiem", das in der hier vorgestellten Fassung neben Solisten, Chor und Orgel auch ein kleines Orchester verlangt, bestimmen harmonische Auffälligkeiten stärker das Bild: Chromatik und dissonante Intervalle korrespondieren mit der bedrückenden inhaltlichen Thematik von Sterben und Furcht vor dem Jüngsten Gericht – die Lichtstrahlen der Erlösungsbotschaft haben es nicht leicht, durch die Nebel der ernsthaften Besorgnis zu dringen. Michel Corboz und seine hervorragenden Kräfte präsentieren die beiden Werke in tadelloser Weise. Ruhe und Konzentration prägen das Gesamtbild, keinerlei Schwächen oder Ausreißer trüben die Leistung dieses kleinen Ensembles aus knapp dreißig Sängern und sieben Instrumentalisten. Eine hervorragende Leistung!

Michael Wersin, 14.05.2011



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