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Spuren ins Nichts bzw. Ich bin der Welt abhanden gekommen

Carlos Kleiber

Arthaus/Naxos 101553 bzw. C-Major/Naxos 705608
(72 Min., 2010 bzw. 2011)

Wer sich der Medienwelt so radikal entzog wie der 2004 verstorbene Dirigent Carlos Kleiber, der meinte es nicht gut mit seinen Biographen. Interviews? Gibt es von ihm bis auf eines aus dem Jahr 1960 nicht. Offizielle Probenmitschnitte fürs Fernsehen? Schon fast einem Heiligen Gral kommen die aus dem Jahr 1970 gleich, die Kleiber in Stuttgart bei der Arbeit mit dem Südfunk-Sinfonieorchester zeigen. Die dürftige Ausgangsbasis war dementsprechend identisch, auf der zwei Regisseure einen kleinen Wettkampf um die besten und prominentesten Gesprächspartner starteten. Zu personellen Überschneidungen kam es deshalb hier und da. So geben auf den fast zeitgleich veröffentlichten Porträts Otto Schenk und Michael Gielen Einblicke in das oftmals als undurchschaubar verklärte Seelenleben Kleibers. Und während Georg Wübbolt für "Ich bin der Welt abhanden gekommen" immerhin Riccardo Muti und Ileana Cotrubas vor die Kamera bekam, konnte Eric Schulz auf "Spuren ins Nichts" Plácido Domingo und Brigitte Fassbaender aufbieten.
Dass Schulz dennoch mit mehr als nur einer Nasenspitze das Kleiber-Rennen gewann, liegt nicht nur am Auftritt der hochbetagten Veronika Kleiber, die sich zum ersten Mal über ihren Bruder äußert. Schulz setzt die obligatorischen Jubelarien über den Jahrhundertmusiker direkt an den Anfang, um sich danach dem Wesentlichen zu widmen. Dirigent Manfred Honeck analysiert Kleibers Stil und Selbstinszenierung. Anhand der Stuttgarter Probenaufnahmen erläutern Fassbaender und der Oboist des Bayerischen Staatsorchester, Klaus König, den hintergründigen Charme und die gespielte Naivität Kleibers. Und auch das Verhältnis zum Übervater Erich Kleiber wird nicht nur gestreift wie bei Georg Wübbolt, der eher auf eine chronologische Tour de Force setzt und dabei mit vielen Anekdoten das Klischee vom schwierigen Superstar unterfüttert. An einem Dokument kamen aber beide nicht vorbei. Es sind diese atemberaubend magischen Schwarz-Weiß-Aufnahmen von dem "Tristan"-Dirigenten in Bayreuth. Wie hinter einem Gaze-Schleier erlebt man Kleiber da bei den Proben des 1. Akts. Und wenn seine Arme zu wahren Schwingen werden und sein Gesicht vor Seligkeit und Glück strahlt, versteht man nur zu gut, warum die Maskenbildnerin Martha Scherer in "Spuren ins Nichts" eigentlich alle Opernbesucher bedauert. Denn die bekamen von ihm höchstens mal den Rücken zu sehen.
Spuren ins Nichts: 5 Punkte
Ich bin der Welt: 4 Punkte

Guido Fischer, 14.05.2011



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