Der Titel ist insofern irreführend, als er implizieren könnte, Alessandro Grandi (ca. 1586-1630) habe ähnlich wie sein Zeitgenosse und zeitweiliger Vorgesetzter Claudio Monteverdi eine komplette "Marienvesper" hinterlassen. Dem ist nicht so; vielmehr hat der Musikwissenschaftler Rudolf Ewerhart das vorliegende Werk aus einzeln überlieferten Psalmvertonungen, konzertanten Motetten und weiterem 'Vesperzubehör' aus unterschiedlichen Sammlungen von Grandi zusammengestellt. Im Ergebnis ähneln sich die beiden Marienvespern dennoch: Auch Grandi, der sich wohl erst nach seinem Wegzug aus Venedig (und damit auch aus dem Schatten Monteverdis) als Kapellmeister in Bergamo künstlerisch wirklich freischwimmen konnte, schuf monumentale vokal-instrumentale Psalmvertonungen, in denen sich oftmals kompakte Tutti- und virtuose Solopassagen abwechseln. Auch er komponierte delikate, hochexpressive 'motetti' mit Generalbassbegleitung über alttestamentliche Bibeltexte – vor allem aus dem "Hohelied" –, die traditionell auf Maria hin ausgelegt werden. Ferner erklingt natürlich das "Magnificat" und der Hymnus "Ave maris stella". Stilistische Besonderheiten, z. B. Grandis Neigung zur plastischen musikalischen Ausdeutung einzelner Worte und Begriffe, kann der interessierte Hörer mit dem Beiheft anhand der abgedruckten und übersetzten Texte erkunden.
Die hier festgehaltene Live-Aufführung vom Musikfest Stuttgart des Jahres 2010 weist natürlich jene gelegentlichen Mängel auf, die Live-Produktionen so komplexer Werke stets haben: kleine Intonationsprobleme vor allem bei Gesangssolisten und Bläsern, kleine Unstimmigkeiten im Zusammenspiel. Es überwiegt jedoch die Freude daran, dass alle Beteiligten so viel wagten, obwohl die Mikrophone liefen; die Solisten, allen voran Deborah York und Ed Lyon, warten mit atemberaubend virtuosen Verzierungen auf, und sie geben im Dienste einer unmittelbaren Ausdeutung des Textes wirklich alles in puncto Expressivität. Die Gächinger Kantorei Stuttgart zeigt unter Leitung von Matthew Halls ein ganz anderes, deutlich interessanteres Gesicht als gemeinsam mit ihrem Gründer Helmuth Rilling – die beiden Dirigenten trennen in Sachen Aufführungspraxis eben einfach Welten. Es spricht indes sehr für Rilling, dass er weitherzig und unprätentiös genug ist, den Stab regelmäßig auch ganz anders musizierenden Kollegen zu 'leihen'.

Michael Wersin, 21.05.2011



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