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Georg Friedrich Händel

Violinsonaten

Julia Schröder, Giorgio Paronuzzi, Daniele Caminiti, Christoph Dangel

dhm/Sony 88697 885782
(56 Min., 10/2010)

Das Improvisieren hat in der barocken Aufführungspraxis vermutlich eine weitaus größere Rolle gespielt, als wir es uns heute gemeinhin klarmachen: Immer wieder neigen wir dazu, durch die uns vertrautere Brille des 19. Jahrhunderts hindurch den barocken Stücken eine nur bedingt antastbare Geschlossenheit und Integrität zuzuschreiben, die sie so wohl nicht hatten. Wenigstens ist heute mit dem Auszieren von Solopartien zumindest eine Art des Improvisierens wieder vollkommen hoffähig geworden. Und auch die rechte Hand des Generalbassparts wird in Profikreisen in der Regel nicht mehr nach vorgefertigter Aussetzung exekutiert, sondern ad hoc frei gestaltet. Auf diese Weise kommunizieren die Spieler nicht nur auf Basis eines festgelegten Notentextes, sondern auch mittels spontan erfundener musikalischer Gesten miteinander. Allein dies macht das Spiel Julia Schröders und ihrer kompetenten Generalbass-Genossen schon erfrischend lebendig: Eine prinzipiell unbegrenzte Offenheit für die der Musik eigenen Regungen und Bewegungen ist bei allen Beteiligten durchgehend spürbar; und diese Offenheit führt eben immer wieder nicht nur zu nuancierten Modifikationen des Tonfalls und der Ausdruckshaltung, sondern auch des Notentextes. Eine Bereicherung und Ausdifferenzierung auf klanglicher Ebene ist außerdem die variable Besetzung des Continuoparts mit Cello und Cembalo zuzüglich unterschiedlicher gezupfter Saiteninstrumente.
Allerdings gehen Schröder und ihre Mitstreiter noch deutlich weiter: Vor dem Hintergrund einiger historischer Quellen, die auch von gänzlich frei improvisierten Passagen in barocker Kammermusik berichten, versuchen sie sich am Extemporieren von Überleitungspassagen, die überhaupt nicht im Notentext vorgesehen sind. Sofern dies nur ein einziger Spieler tut, ergeben sich dadurch keine Probleme. Wenn allerdings mehrere Interpreten an einer solchen frei erfundenen Passage beteiligt sind, entstehen trotz vorher festgelegter Rahmenbedingungen – z. B. eine ostinate Bassfigur als Grundlage – zwangsläufig Reibungen und Dissonanzen, denn keiner der Spieler kann ja wissen, was der andere im Detail zu erfinden gedenkt. Ob und wie so etwas speziell in Händels Umfeld gemacht worden ist und wie es geklungen haben mag, weiß freilich kein Mensch. Diese Experimente machen die vorliegende Einspielung der Violinsonaten Händels zu Julia Schröders sehr individueller Lesart der Stücke; hinzu kommen hier und da weitere interpretatorische Eigenheiten, die bisweilen leicht manierierte Züge tragen. Kein Zweifel: Julia Schröder wagt sich weit vor, aber der aufgeschlossene Hörer wird ihr die Ausflüge ins Spekulative unterm Strich wohl eher als Plus anrechnen, vor allem angesichts ihres insgesamt höchst beseelten Spiels.

Michael Wersin, 21.05.2011



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