Responsive image
Jörg Widmann

Messe, Elegie u.a.

Jörg Widmann, Heinz Holliger, Deutsche Radio Philharmonie Saarbrücken Kaiserslautern, Christoph Poppen

ECM/Universal 476 3309
(68 Min., 6 & 7/2008, 5/2009)

Die einen werden es als stockkonservativ abstempeln. Die anderen halten es dagegen für mutig, anno 2005 eine Messe zu komponieren und dafür nach alter Väter Sitte alle kontrapunktischen Register zu ziehen. Nein, die Rede ist hier nicht von einem weiteren Bekenntniswerk des Erz-Katholiken Krzysztof Penderecki. Mit 32 Jahren betrat der stets ohne Scheuklappen komponierende Jörg Widmann ein für ihn neues Feld. Doch eine klassische Messe unter zeitgenössischen Vorzeichen hatte er dann doch nicht im Hinterkopf. Zwar gibt es ein riesiges Kyrie sowie mit "Gloria", "Crucifixus" und "Et resurrexit" drei weitere Abschnitte. Aber statt den lateinischen Messtext hat Widmann vielmehr dessen Geist vertont. Womit er für sich und den Hörer einen rein instrumentalen Klangraum geschaffen hat, in dem der Glauben sich frei bewegen kann. Widmann hat für diese offizielle Ketzerei ein groß besetztes Orchester gewählt, um seine handwerklich phänomenale Ausdrucksmusik inszenieren zu können. Angefangen von einem bedrückenden und fast erdrückenden Kyrie über ein hypertroph grelles "Gloria" bis zu einer doppelbödig sinnlichen "Himmelfahrt".
Die Uraufführung übernahmen 2005 die Münchner Philharmoniker unter Christian Thielemann. Was rückblickend nicht verwundert. Denn auch in der Ersteinspielung mit der auf Spitzenniveau zupackenden Deutschen Radio Philharmonie unter Christoph Poppen gibt es nicht nur verstörend riesige Fanfaren in bester Ives-Tradition. Auch neo-romantisches Pathos und Strauss'sche Zartbitter-Süße hat Widmann einsortiert. Jedoch bleibt auch da nur das Staunen zurück, wie hier einer effektvoll sämtliche Register zieht, um die Tradition mit der Moderne zu versöhnen. Die beiden anderen, substanzvolleren, weil mit Widerhaken und heftigen Fieberkurven gespickten Werke entpuppen sich dagegen auch als beeindruckende Visitenkarten des Ausnahmeklarinettisten Widmann. Ob nun in der "Elegie" für Klarinette und Orchester oder in den "Fünf Bruchstücken", bei denen Heinz Holliger erstmals als Pianist zu hören ist.

Guido Fischer, 21.05.2011



Diese CD können Sie kaufen bei:


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Werk und Biografie: Immer wieder führt dieses Spannungsfeld zu Einsichten in Komponistenleben, die Rätsel aufgeben oder einen zumindest staunen machen. Nikolai Mjaskowski zum Beispiel kam aus einer russischen Offiziersfamilie, ging auf die Kadettenschule, später auf die Petersburger Akademie für militärisches Ingenieurwesen und wurde anschließend, wie sein Vater, Offizier. Daneben aber komponierte er, und dieses Oeuvre hat mit Drill und militärischer Strenge so gar nichts zu tun. […] mehr »


Top