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Jean-Baptiste Lully

Bellérophon

Cyril Auvity, Céline Scheen, Ingrid Perruche, Les Talens Lyriques, Chœur de Chambre de Namur, Christophe Rousset

Aparté/harmonia mundi AP 015
(134 Min., 12/2010) 2 CDs

Wenn ein Kriegsherr wie Ludwig XIV. sein Reich mal wieder bis aufs letzte Hemd auszog, um finanziell bestens gerüstet in die Schlacht zu ziehen, kam er meist nicht mit leeren Händen nach Versailles zurück. Und prompt wurde der Herrscher von seinen Vasallen auf Händen getragen. Auch und vor allem von Jean-Baptiste Lully, der – man muss es zugeben – die Glorie seines Brötchengebers mit oftmals exquisiten Propaganda- und Huldigungsmusiken feierte. Und speziell für seine Opern fand Lully mit seinen Librettisten schnell den geeigneten Stoff im großen Buch der Mythologie, um eine hochdekorative Eloge auf den göttlichen Friedensapostel maßzuschneidern. Das Textbuch zur Tragédie lyrique um den wackeren Ritter "Bellérophon" lieferte zwar nicht wie sonst Philippe Quinault, sondern Thomas Corneille. Doch während Corneille Bellérophons Heldentaten dramaturgisch eher konventionell mit einer Love-Story verknüpfte, wehte 1679 bei Lully plötzlich ein frischer Wind durch die streng formatierte Tragédie lyrique.
Das ehemals stocksteif Deklamatorische pulverisiert Lully nun zugunsten einer durchweg feingeistigen, ariosen Welt, in der selbst die Rezitative zu kleinen Kunstwerken werden. Die schematische Klangopulenz mit ihren Pauken und Trompeten blitzt nur einmal, im großen Finale auf. Und selbst beim Kampf zwischen Bellérophon und der Chimäre fliegen diesmal nicht lautmalerisch die Fetzen. Lully macht da vielmehr den Chor zum gespannten, aber rhythmisch beschwingt zum durchaus auch optimistischen Beobachter. Angesichts dieser barocken Vollwertkost ist daher die Ersteinspielung von "Bellérophon" nicht einfach eine Repertoire-Ausgrabung, sondern garantiert fünf Akte lang höchsten Sinnenschmaus. Zumal der oftmals einen allzu klassizistischen Historismus vertretende Christophe Rousset diesmal mit seinem Team für einen beweglichen und bewegenden Facettenreichtum sorgt. Und allein mit dem Haute-contre Cyril Auvity in der Titelpartie erlebt man, wie sich französisches Edelmaß wundersam und beseelt in Schwingung versetzen lässt.

Guido Fischer, 28.05.2011



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