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Peter Iljitsch Tschaikowski, Victor Kissine

Klaviertrio op. 50, Zerkalo

Gidon Kremer, Giedré Dirvanauskaité, Khatia Buniatishvili

ECM/Universal 476 4171
(71 Min., 8/2010)

Den Klaviertrio-Musiker Gidon Kremer kennt man von gemeinsamen Sternstunden mit den alten Musikerfreunden Martha Argerich und Mischa Maisky. Doch seit 2009 geht er im positivsten Sinne fremd. In jenem Jahr gründete er zusammen mit der litauischen Cellistin Giedré Dirvanauskaité und der georgischen Pianistin Khatia Buniatishvili ein zweites Trio-Team. Dirvanauskaitè ist seit Langem erste Cellistin bei der Kremerata Baltica. Und vom Talent Buniatishvilis schwärmt Kremer auch schon seit Jahren. Für die erste Studio-Visitenkarte dieses Drei-Generationen-Trios hat man sich nun für zwei Werke entschieden, bei denen man direkt in die Herzkammern der russischen Musik vordringen kann. Von dem 58-jährigen Komponisten Victor Kissine hat man das den Musikern gewidmete, rund 20-minütige Stück "Zerkalo" ersteingespielt. Von Peter Tschaikowski dann ist sein großdimensioniertes "Klaviertrio op. 50" zu hören, das er 1882 seinem alten Mentor Nikolai Rubinstein postum ins Grab legte.
Beide Werke sind von ihrer Anlage und natürlich von ihren Ausdrucksvaleurs fast wie Feuer und Wasser. Hier das geheimnisvoll feingliedrige, bisweilen vom Stillstand gepackte Kissine-Stück. Dort das episch ausformulierte Klang-Tombeau, bei dem selbst die dunkle Last in wundersamem Melos gespiegelt wird. Verunsichernde Reduktion vs. einnehmende Kulinarik also. Und dennoch verwandeln sich die beiden Kompositionen in den Händen der drei Musiker quasi zu zwei Lebensmuskeln, die in einer Brust schlagen. Ganz unpathetisch spielt man beides, aber doch anteilnehmend. Und glühende Expressivität und wilde Kraft stecken genauso in den klangstelenartigen Einwürfen Kissines wie in der scheinbar so behaglichen Walzer-Variation von Tschaikowski. Solche rote Fäden haben Kremer und seine Mitstreiter zwischen den Werken auf höchstem, weil nie ausgestelltem Niveau gesponnen. Und plötzlich wird deutlich, wie sich die Innentemperaturen der russischen Seele unter scheinbar radikal abstoßenden Vorzeichen und Stilen ähneln können.

Guido Fischer, 11.06.2011



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