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Celibidache: Die kompletten RIAS-Aufnahmen

Berliner Philharmoniker, RIAS Symphonieorchester Berlin, Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin, Sergiu Celibidache

Audite/Edel 1021406ADT
(215 Min., 1948-1957) 3 CDs

Wenn das keine Dokumente sind! Konzert-Mitschnitte aus dem Titania-Palast während der Berliner Luftbrücke 1948/49 – mitsamt dem Propellerbrummen der an- und abfliegenden Tempelhofer Flugzeuge. Und einem feschen jungen Rumänen namens Sergiu Celibidache am Pult der Berliner Philharmoniker und des ehemaligen RIAS-Symphonie-Orchesters bzw. RSO Berlin. Er war ganz offensichtlich nicht immer der Brucknerianer von mystischen Gnaden, als der er heute noch verehrt wird. Der Nachkriegs-Nobody, frischer Gewinner eines Dirigierwettbewerbs, präsentierte in seiner sieben Jahre währenden Amtszeit als Statthalter für den mit Dirigierverbot belegten Philharmoniker-Übervater Furtwängler (auch) ein Repertoire, das denkbar weit von Bruckner entfernt war.
Ob mit den sozusagen ganz nahe(f)liegenden Amerikanern Gershwin und Copland, mit Ravel, Busoni oder den Nazi-verpönten Zeitgenossen Hindemith, Genzmer, Tiessen und Schwarz-Schilling: Egal, wohin man in diese Schatztruhe des heutigen Deutschlandradio greift, man kommt aus dem Staunen über den frenetisch gefeierten Aufsteiger nicht heraus. Gerade auch bei den Solokonzerten, bei Busonis, von Siegfried Borries hinreißend leichtfüßig genommenem Violinkonzert, bei Hindemiths, von Gerhard Puchelt tiefsinnig nachempfundenem, hier 1949 in deutscher Erstaufführung präsentiertem Klavierkonzert und Genzmers eingängigem, von Gustav Scheck eingespieltem Flötenkonzert (dessen Notenmaterial bald nach der Aufführung vom Dezember 1950 auf dem Postweg nach Italien verlorenging) – gerade hier waltet ein orchestraler Präzisionsfanatismus und Unbedingtheitsanspruch, der beiläufiges 'Begleiten' schon im Ansatz verbietet. Wobei man sich allenfalls bei Gershwins "Rhapsody in blue", ebenfalls mit Puchelt am Klavier, vielleicht doch etwas weniger (deutsche) Exaktheit und etwas mehr (amerikanische) Lässigkeit gewünscht hätte; während Coplands "Appalachian spring" in Celibidaches außergewöhnlicher Klangfarbenkunst nur so sprüht und leuchtet.
Die Hommage, die der Wahl-Berliner 1957 seinem Lehrer Heinz Tiessen zu dessen 70. Geburtstag in einem RSO-Konzert mit der Hamlet- und Salambo-Suite sowie der zweiten Sinfonie darbot, war zugleich auch dessen letzte (bzw. bis zum einmaligen Benefizkonzert 1992 vorletzte) Rückkehr nach Berlin – nachdem die Philharmoniker 1954 auf ziemlich unrühmliche Art bekanntlich nicht den rumänischen 'Notnagel', sondern Karajan zum Furtwängler-Nachfolger auf Lebenszeit gewählt hatten. Müßig, beide postum gegeneinander auszuspielen. Aber hört man diese feurige Ravel‘sche "Rapsodie espagnole" oder Cherubinis revolutionsstürmische "Anacréon"-Ouvertüre, dann kann man ins Träumen kommen: Was hätte Celibidache nicht alles mit den Philharmonikern vollbringen können!

Christoph Braun, 25.06.2011



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