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Johannes Brahms

Sämtliche Lieder Vol. 2

Christine Schäfer, Graham Johnson

Hyperion/Codaex CDJ 33122
(75 Min., 6/2010)

"Wie ist doch die Erde so schön, so schön …": Den zweiten Teil seiner Einspielung aller Brahms-Lieder lässt Graham Johnson mit Brahms' Jugendkomposition "Juchhe!" beginnen, die im deutschsprachigen Raum untrennbar verbunden ist mit Loriots Film "Ödipussi“. Dort gibt Katharina Brauren alias Louise Winkelmann dieses skurrile Lied spektakulär zum Besten, hier nun ist es Christine Schäfer, die anders als Brauren freilich nicht an den exponierten Spitzentönen scheitert. Allerdings bildet Schäfer ihre Höhe hier wie auch im weiteren Verlauf des Programms dennoch nicht ganz ohne Mühe: Während ihr Timbre in der tieferen Lage nach wie vor recht natürlich und individuell klingt, tritt ab der oberen Mittellage immer wieder eine unangenehme Spannung hinzu, die neben unschönem Dauervibrato und klanglicher Eindimensionalität oft auch eine etwas zu hohe Intonation mit sich bringt. Durch all dies leidet im oberen Bereich zusätzlich auch die Textverständlichkeit mehr, als sie das sopranlagenbedingt eigentlich müsste. Eine für den Hörer unkomfortable bzw. unangenehme Dramatik schleicht sich auf diesem Wege auch dort ein, wo sie eher nicht gefragt ist. Dabei ist diese Liedersammlung u. a. mit den beiden "Regenliedern", den "Ophelia-Liedern", einer Sammlung von "Mädchenliedern" und einigen der Volksliedbearbeitungen eigentlich ein wundervolles Bukett reizvollster Liedkompositionen, mit gewohntem Geschick zusammengestellt und im Beiheft ausführlich kommentiert von Graham Johnson, der sich zudem einmal mehr als überaus gewandter und detailverliebter Klavierbegleiter präsentiert.
Doch wie auch schon angesichts seiner monumentalen Schubert-Edition muss man sich auch hier fragen, ob Johnson bei der Sängerauswahl wirklich immer ein glückliches Händchen hat. Seine Erfahrungen mit den Künstlern stammen natürlich aus der Konzertpraxis, und Liedsänger schlagen sich auf dem Podium, wo Mimik, Gestik und Bühnenpräsenz einen nicht unbeträchtlichen Teil ihrer Gesamtwirkung ausmachen, oft noch überzeugender als auf der CD, wo die stimmlichen und sprachlichen Qualitäten gnadenlos im Vordergrund stehen. Und in dieser Hinsicht muss über Frau Schäfers Gesang gesagt werden, dass trotz allem professionellen Bemühen um differenzierte Gestaltung und überzeugenden Ausdruck in allzu weiten Teilen die problematischen Aspekte ihres Singens für ein monochromes Einerlei auf rein klanglicher Ebene sorgen, das dem Hörer Unbehagen verursacht.

Michael Wersin, 25.06.2011



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