In der Mitte des 17. Jahrhunderts war die Oper noch nicht jenes exaltierte Virtuosenspektakel, das sie schon wenige Jahrzehnte später im Hochbarock werden sollte. Ganz im Gegenteil: Die Möglichkeiten der virtuosen Selbstdarstellung einzelner Protagonisten waren im Laufe der ersten Hälfte des Jahrhunderts sogar noch reduziert worden – im Vordergrund sollte die sorgfältige Umsetzung der Rede in Musik stehen, die ja der eigentliche Anlass für die 'Erfindung' der neuen Gattung Oper gewesen war. Antike Dramen in zeitgemäßer Form auf die Bühne zu bringen, war die Absicht der gelehrten Väter des Musiktheaters gewesen. Und so erleben wir auch in Francesco Cavallis "La Rosinda", aufgeführt erstmals 1651 in Venedig und zwei Jahre später in Florenz bzw. Neapel in modifizierter Gestalt nochmals aufgegriffen, ein gleichmäßig ausdrucksstarkes, aber nicht vordergründig aufgemotztes Wechselspiel rezitativischer und gebundenerer bzw. in sich geschlossener musikalischer Abläufe. Um die ganze Finesse der hochdifferenzierten musikalischen Umsetzung des Textes in Musik mitvollziehen zu können, benötigt man das im Beiheft mitgelieferte Libretto, das freilich nur im originalen Italienisch und in englischer Übersetzung verfügbar ist. Die gewohnt krude und komplizierte Handlung mit Prinzen- und Magierpaar, Göttin und Gott sowie komischer Figur ist, will man sie wirklich durchschauen, entsprechend unbequem, aber sie bietet den notwendigen Rahmen für die Konstellation des Personals. Was für den Hörer zählt, ist indes nur das bunte Spiel der Affekte.
Der Lautenist und Dirigent Mike Fentross hat Cavallis "La Rosinda" erneut ausgegraben, nachdem das Stück in unserer Zeit erst ein einziges Mal wieder zum Leben erweckt worden war – 1973 von der Barockspezialistin Jane Glover. Im Jahre 2008 konnte Fentross "La Rosinda" dann mehrmals szenisch aufführen, und die vorliegende Einspielung ist ein Mitschnitt vom Vantaa Baroque Musik Festival in Finnland. Man merkt der Aufnahme ihre Live-Entstehung stark an: Ein durchgehendes Grundgeräusch wird vor allem in den Pausen zwischen den Nummern hörbar, und die Abnahme der Sänger und Instrumente ist – wie bei einer Bühnenproduktion kaum anders denkbar – nicht immer ideal. Dennoch ist dieses Album in mehrfacher Hinsicht ein einzigartiges Dokument. Zunächst einmal natürlich deshalb, weil es die moderne Wiedergeburt eines bis dato praktisch vergessenen frühen Opernjuwels enthält. Vor allem aber daher, weil es die einzigartige Leistung eines durchweg großartigen Sängerensembles präsentiert, das sich in die ungewohnte Stilistik minutiös eingearbeitet hat und Cavallis Musik mit höchster Überzeugungskraft neu belebt. Die Protagonisten – allen voran sind Emanuela Galli als Nerea und Nicola Ebau in einer Dreifach-Rolle als Thisandro, Plutone und Meandro zu nennen – haben damit wahrlich ein großes Werk, ja eine Pionierleistung vollbracht. Sie werden kompetent begleitet von einem überraschend kleinen Ensemble (im Wesentlichen zwei Violinen, zwei Flöten, zwei Gamben und Continuo), das stets mit großer Konzentration bei den Sängern ist. Bleibt zu hoffen, dass die zeitgenössische Wirkungsgeschichte dieser Oper sich nicht in einer Handvoll Aufführungen und einem Mitschnitt schon erschöpft hat.

Michael Wersin, 02.07.2011



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