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Diverse

Glenn Gould In Concert (Werke von Johann Sebastian Bach, Ludwig van Beethoven u.a.)

Glenn Gould

Westhill/Note1 WHRA 6038
(1951-1960) 6 CDs

Die Geschichte wirkt paradox. Da werden wir seit Jahren, ach Jahrzehnten geradezu belästigt mit Reissues und Re-Reissues, Gould Gold Editions und dergleichen mehr, als habe nicht jeder halbwegs Klavierbegeisterte längst alles Wesentliche zu diesem Thema im Regal stehen und alles weniger Wesentliche schon wieder aussortiert. Und da kommt vor einigen Monaten bei einem kleinen Label eine 6-CD-Box, die fünf(!) Stunden bislang unbekanntes Material enthält, und dieses Ereignis geht – außerhalb der informierten Sammlerkreise – völlig unter. Soviel zur Marketingmaschinerie der Major Labels, die einen Gould eben auch 'gemacht' hat und vielleicht einer differenzierteren Wahrnehmung seiner Kunst mittlerweile im Wege steht.
Paradoxer noch ist, dass es diese unerhörte Fülle niemals gäbe, lebte der Pianist noch, bildet sie doch eine Facette seiner Kunst ab, die er der Nachwelt gerne vorenthalten hätte: Wir hören ausschließlich Mitschnitte der ihm verhassten Konzertauftritte aus den Jahren 1951-1960. Unser Bild des Konzertspielers Gould ist gemessen an jenem fast überscharfen des Studiotüftlers immer noch recht verwaschen.
Es gibt Pianisten, deren Live-Auftritte den Produktionen gleichen wie ein Haar dem anderen, man denke an Michelangeli oder Moravec, und solche, die sich fast in zwei Persönlichkeiten aufgespalten haben. Doch Gould lässt sich, es passt ja auch zu ihm, nicht in dieses Muster einordnen. Gerade darum ist die hier erstmals zu hörende Live-Version der "Goldberg-Variationen" (Toronto 1957) ein ganz großes Faszinosum. Sein Spiel mag den Bahnen seiner wohl berühmtesten Aufnahme folgen, aber das geschieht eben nicht mechanisch-starr. Im Detail schafft er sich unerhörte Freiräume, und über diese Lockerung erleben wir eine merklich tiefere Durchdringung des Goldberg-Kosmos. Wenn im 'verzierten Adagio' der Variation 13 die Rechte in bloßes klingelndes Ornament zurückweicht, weist der Basso plötzlich ungemein plastisch und inständig darauf hin, dass er ja eigentlich die ganze Zeit das Sagen gehabt und der gezierten 32tel-Eleganz nur höflich das Wort überlassen hatte. Noch 1955 haspelte er die Rechte einfach weiter ab. In solchen das Mechanische humanisierenden Momenten erlebt man geradezu eine Art Wiederverzauberung des Werkes; auch der pastorale Oktavkanon (Nr. 24) ist kaum wiederzuerkennen, so leichthändig, geradezu impressionistisch tupft Gould ihn hin. Zuweilen verliert sich seine doktrinäre Strenge fast bedenklich in Episoden spielerischer Beliebigkeit, so in der Variation 19, wo manchmal Fragmente des Basses wie Blasen aus dem Untergrund aufsteigen und die Fläche der Oberstimme durchstoßen, die Gould in der Studioversion ebenmäßig ausspannte. In diesen feinen Unterschieden verrät sich die Befreiung des Konzert-Doppelgängers von seinem manchmal allzusehr ins Konzept verbissenen Studio-Bruder.
Nur eine Live-Aufnahme Goulds ist wirklich berühmt geworden: seine verunglückte Zusammenarbeit mit Leonard Bernstein im Brahmsschen d-Moll-Konzert. Dessen launige Distanzierungsrede ist vielleicht das Interessanteste daran. In der hier präsentierten Version mit dem recht provinziell aufspielenden Winnipeg SO unter Victor Feldbrill herrscht dagegen Harmonie zwischen dem Dirigenten und seinem eigenwilligen, hier unangefochten dominierenden Solisten; viel überzeugender dynamisiert Gould überleitendes Material, entdeckt Unterstimmen-Strömungen, lässt die Illusion eines drängenden Tempos entstehen – dabei ist es immer noch einigermaßen breit, allerdings dann doch über zwei Minuten flotter als in der Bernstein-Provokation. Ob deren Umrisse nicht eher dem Geist des Widerspruchs geschuldet waren als einer interpretatorischen Vision? Jedenfalls ist sein 'Angriff' auf das Finale, das er unter Bernstein geradezu tantig langsam vorgetragen hatte, in dieser Version jugendlich stürmend, exaltiert und frei – in jedem Fall weitaus interessanter, mögen die kanadischen Hörner noch so kieksen.
Auch mit Bernstein gelang ihm ein erfülltes Musizieren, eine ebenfalls erstmals zu hörende Aufnahme des Mozartschen c-Moll-Konzertes belegt es eindringlich. Die bittere Inständigkeit, mit der Gould das letzte Solo vor dem Tuttischluss des Finales gestaltet, entlässt uns Hörer vielleicht darum so bewegt, weil wir Zeugen eines jener Augenblicke wurden, in denen Gould die konzepterstarrte Maske des Doktrinärs einmal ganz selbstvergessen fallen ließ.

Matthias Kornemann, 09.07.2011



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