Responsive image
François Couperin, Sébastien de Brossard

Musiques des ténèbres

Kirsten Blaise, Salomé Haller, Chor Capella Regis, Martin Gester

assai/Note 1 222412
(58 Min., 10/2002) 1 CD

Couperins berühmte monodische Vertonung der drei zur Gründonnerstags-Matutin gehörigen Lamentationes des Propheten Jeremia, historisch korrekt eingebettet in gregorianischen Gesang und ergänzt um eine mehrstimmige Version des ebenfalls zur Karwoche gehörigen Psalm 50 (bekannter unter dem Namen "Miserere"): Eine gute Programm-Idee für eine CD, hinsichtlich ihrer Verständlichkeit jedoch verunklart durch, gelinde gesagt, allzu sparsame Aufklärung des interessierten Hörers durch das Beiheft. Dass für den Beginn die Antiphon "Zelus domus tuae" inklusive einiger Verse des zugehörigen - leider im Beiheft nicht näher identifizierten - Psalm 68 gewählt wurde, mag angehen, obwohl die Auswahl etwas willkürlich ist, stehen doch im liturgischen Ablauf drei vollständige Psalmen mit Antiphonen vor den drei Lamentationen. Nicht nachvollziehbar jedoch ist, dass die Herkunft der gregorianischen Melodie dieser Antiphon sowie des Psalmtons im Beiheft verschwiegen wird, obwohl es sich um eine von der verbreiteten Fassung im "Liber usualis" vollkommen verschiedene Version handelt. Dasselbe gilt für die gregorianischen Melodien der zwei auf die ersten beiden Lamentationen folgenden Responsorien (das dritte Responsorium wird auf dieser CD leider unterschlagen): Auch ihre Quelle bleibt ein Mysterium.
Musikalischer Höhepunkt der CD ist eindeutig Salomé Hallers Interpretation der zweiten Lamentation, denn Hallers Stimme fügt sich mit großer Geschmeidigkeit und Klangschönheit in Couperins melodische Linien. Kirsten Blase, die Solistin der ersten Lamentation, überzeugt im Vergleich weniger, denn ihre an sich ebenfalls angenehme Stimme zerstreut sich vor allem auf längeren Tönen stets in ein unruhiges Vibrato, eine Unart, die in der dritten, dialogischen Lamentation teilweise durch Salomé Hallers Beteiligung kompensiert wird.
Das abschließende "Miserere" erweist sich als monodische Vertonung der ungeraden Psalmverse durch Michel-Richard de Lalande (der zwar im Titel des Stücks auftaucht, ansonsten aber weder im Beiheft noch auf der CD-Hülle erwähnt wird), ergänzt um Falsobordoni von Sébastien de Brossard für die geraden Verse - schöne Musik wie alles andere auf dieser CD auch, aber so spezielles Repertoire sollte man nicht in so dürftiger Aufmachung und ohne ein Minimum an fundierten Informationen verkaufen.

Michael Wersin, 20.03.2004



Diese CD können Sie kaufen bei:


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Werk und Biografie: Immer wieder führt dieses Spannungsfeld zu Einsichten in Komponistenleben, die Rätsel aufgeben oder einen zumindest staunen machen. Nikolai Mjaskowski zum Beispiel kam aus einer russischen Offiziersfamilie, ging auf die Kadettenschule, später auf die Petersburger Akademie für militärisches Ingenieurwesen und wurde anschließend, wie sein Vater, Offizier. Daneben aber komponierte er, und dieses Oeuvre hat mit Drill und militärischer Strenge so gar nichts zu tun. […] mehr »


Top