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Gustav Mahler

Sinfonien Nr. 1, 3, 5, 6, 8, 9 & 10 (Adagio)

New York Philharmonic, WDR Sinfonieorchester Köln, Wiener Philharmoniker, Dmitri Mitropoulos

Music & Arts/Note 1 MACD 1021
(1956-1960) 6 CDs

Es gab einen Mahler vor Leonard Bernstein! Wohl keinen massenmedialen, aber einen mindestens ebenso aufregenden. Dafür steht – neben den Mahler-Schülern Walter, Klemperer, Mengelberg und Fried – vor allem der Name Mitropoulos. Der 1896 in Athen geborene Spross einer griechisch-orthodoxen Priesterfamilie, der schon im Berlin der Weimarer Jahre bis zu seiner Flucht aus Nazi-Deutschland Aufsehen erregte, machte in seiner New Yorker Wahlheimat den jungen Bernstein auf Mahlers Großtaten aufmerksam. Zwar hat Mitropoulos im Gegensatz zu diesem keinen pionierhaften Sinfonien-Gesamtzyklus auf Platte hinterlassen (es fehlen die Zweite, Vierte und Siebte); gleichwohl sind die (späten), nun vortrefflich restaurierten Live-Mitschnitte aus den Jahren 1956 bis 1960 Meilensteine der Mahler-Diskographie. Der "Priester der Musik", wie der hager-hochgewachsene Asket mit dem exzessiven Dirigierstil genannt wurde, hasste Schönklang wie der Teufel das Weihwasser. Der Konzertsaal sei, so konstatiert er, "kein Ort zum Entspannen"!
Gibt man sich heutzutage nicht selten wehmütig-traumverloren oder abgeklärt den Abschiedskantilenen der Neunten hin, so fasziniert Mitropoulos im Januar 1960 in der Carnegie Hall mit klarem Formgefühl und scharfkantiger Expressivität. Nicht selten gefriert einem dabei das Blut in den Adern, insbesondere beim berühmten Aufschrei im Adagio der Zehnten: Kreischende Geigen und grellste Blechbläser sorgen hier für wahrhaft apokalyptische Schrecken. Ohne plakativ das 'Tragische' zu betonen – wie es ihr Beinamen nahelegt –, wartet Mitropoulos bei der Sechsten, aufgenommen im August 1959 beim WDR in Köln, mit einer frappierenden Durchhörbarkeit auf. Zu welchem dämonischen Furor der Grieche fähig war, gepaart mit einem nahezu einzigartigen Detailfanatismus dynamischer Schattierungen, das demonstrieren vor allem die Erste und Fünfte, die ebenfalls (wie die Neunte und Zehnte) beim Mahler-Fest im Januar 1960 in der Carnegie Hall aufgenommen wurden. Nie kann sich der Hörer hier im Bekannten 'sicher' fühlen: die plötzlichen Zäsuren, Rubati und katapultartigen Beschleunigungen mag man 'subjektiv' nennen, sie erzwingen jedenfalls hellste Aufmerksamkeit. Wobei Mitropoulos im Adagietto der Fünften das Kunststück größter, aber unsentimentaler Legatissimo-Emphase fertig bringt. Die Achte wiederum, aufgenommen im August 1960 mit den Wiener Philharmonikern bei den Salzburger Festspielen, geriet drei Monate vor seinem Tod zu Mitropoulos' diskographischem Vermächtnis – nicht zuletzt der ausgezeichneten Gesangsdarbietungen einer Hilde Zadek, eines Otto Edelmann und des 31-jährigen Hermann Prey wegen. Bleibt ein – vorwiegend editorischer – Wermutstropfen: Die auf 78 Minuten gekürzte Aufnahme der Dritten vom April 1956 mit einer Beatrice Krebs, die ihren Misterioso-Mitternachts-Nietzsche kurioserweise englisch vorträgt! Die zwei Jahre später entstandene WDR-Aufnahme hätte dieser formidablen Box zur Erinnerung an einen der größten Mahler-Exegeten besser gestanden.

Christoph Braun, 16.07.2011



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