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Francis Poulenc

Sämtliche Lieder, Teil 1

Lorna Anderson, Lisa Milne, Felicity Lott, Robert Murray, Christopher Maltman, Jonathan Lemalu, Malcolm Martineau

singnum classics/Note 1 SIGCD247
(69 Min., 2 & 9/2010)

Auf fünf CDs möchte der britische Pianist Malcolm Martineau sämtliche Lieder von Francis Poulenc präsentieren – umfangreicher, als irgendeine andere Edition dies bisher getan hat. Korrekterweise bemerkt dazu Andrew Clements vom „Guardian“ in seiner Besprechung der ersten Folge zweifelnd, dass die angekündigten fünf CDs zahlenmäßig exakt jenen fünf in der Lieder-Box der EMI-Poulenc-Edition (aus den 90ern, heute vergriffen) entsprechen. Nun ja, wahrscheinlich packt man heute das eine oder andere Lied mehr auf die einzelnen Scheiben.
Was die Qualität der Darbietung angeht, so überzeugt Martineau, dieser charmante, immer in tadelloser Form befindliche Ästhet am Klavier, durchgehend – er ist bisher die qualitative Konstante des Projekts. Die sechs Gesangsstars dagegen zeigen sich unterschiedlich disponiert für ihre diffizile Aufgabe: Felicity Lott, für die der Titel „Grande Dame des Kunstlieds“ sicher nur als passend bezeichnet werden kann, war lange Zeit sehr gut, kann es auf diesen CDs aber aus Altersgründen leider nicht mehr sein. Wie differenziert, nuancenreich und fesselnd sie vielleicht früher die intrikaten Kantilenen Poulencs gestaltet hätte, zeigt auf diesen CDs nun die großartige Lorna Anderson, deren Darbietungen man schlichtweg nur als großartig bezeichnen kann. Wie der Samoaner Jonathan Lemalu dagegen seinen Weg in diese Gesamtaufnahme gefunden hat, bleibt ein Rätsel: Wohl kann man seine mächtige, dunkle Bassbaritonstimme grundsätzlich sehr mögen, aber hier führt er sie in Dauer-Unruhe mit allzu viel Vibrato, und die französischen Texte scheinen ihm doch recht fremd zu sein. Das flackernde Vibrato, wie es bei englischen Tenören (sofern man diese zum Typus zusammenfassen darf) doch recht häufig vorkommt, stört leider auch bei dem ansonsten recht wohltimbrierten Robert Murray. Unter den Männern erfreut ansonsten der kernige und doch lyrische, höhensichere Bariton Christopher Maltman, der auch einen besonders guten Zugriff auf die Atmosphäre des jeweiligen Liedes hat – ihm geraten sie zu plastischen kleinen Szenen. In Sopranlage erfreut ansonsten die quirlige Lisa Milne mit ihrem hellen, biegsamen Material.
Ob Martineau die Sängerbesetzung in allen Teilen beibehält? Einzelne Umbesetzungen würden dem ambitionierten, in Teilen so überaus ansprechenden Projekt guttun – sonst wird es am Ende jenes „recht gut, aaaber …“ geben, das gerade bei umfänglichen, personalreicheren Unternehmungen so oft für insgesamt verhaltenen Applaus sorgt.

Michael Wersin, 30.07.2011



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