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Stand Well Back

Blue Touch Paper

Provocateur/Al!ve PVC 1042
(70 Min., 2010)

Selbst die Mitarbeiter sind etwas ratlos, wie sie die Stücke von Colin Towns beschreiben sollen. Der Schlagzeuger Benny Greb gibt zu, dass er mit seinem deutschen Schubladendenken da einfach nicht weiterkomme, während es der Perkussionist Stephan Maass so formuliert: „Es ist optische Musik.“ Wie bitte?
Ja, doch. Towns’ Kompositionen lösen zuvorderst jede Menge Bilder im Kopf des Zuhörers aus. Es gibt da beispielsweise eine Stelle in dem Stück „Crazy Man on Platform 13“, da meint man, Bart Simpson kichern zu sehen. Und bei „Walls Have Ears“ wähnt man sich unversehens bei der Massage in einem Wellness-Tempel. Wenn da nicht dieses Hochgeschwindigkeits-Gitarrensolo von Chris Montague wäre.
Vor allem bei dem Titelstück „Stand Well Back/Spit It Out“ stellt sich der Eindruck ein, dass hier ein Hypernervöser wie wild am Empfangsknopf seines Radios herumdreht. Man hört zunächst diffuse Sounds mit Kirchenglockengrundierung, dann ein Klavier, das an die erste Return-to-Forever-Platte gemahnt. Im weiteren Verlauf tritt eine sehr böse Gitarre hinzu, die von einem osteuropäisch anmutenden Thema abgelöst wird, das Saxofonist Mark Lockheart vorträgt. In der Coda schließlich landet man mitten im Vorspann einer TV-Serie. Es ist der Wahnsinn.
Towns war in den vergangenen Jahren hauptsächlich Dienstleister für deutsche Radio-Big Bands, denen er Stücke von Lennon bis Zappa auf den Klangkörper schneiderte. Man hat das Gefühl, dass sein sorgfältig zusammengestelltes Projekt „Blue Touch Paper“ (zu dem neben den bereits Genannten noch E-Bassist Edward McLean gehört) nun so etwas wie eine Befreiung für den englischen Pianisten, Arrangeur und Komponisten darstellt. Sein wunderbar spleeniger Fusionjazz hat die Bezeichnung jedenfalls vollauf verdient. Hier wird munter und höchst originell zusammengemischt, was sonst völlig unabhängig voneinander agierende Gehirnregionen beschäftigt.

Josef Engels, 06.08.2011



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