Wenn man den Medien Glauben schenken möchte, dann könnte man annehmen, die klassische Gesangswelt werde derzeit revolutioniert durch Nino Machaidze, die 28-jährige georgische Sopranistin, die vollmundig als „zweite Netrebko“ gehandelt wird. Der Rezensent darf, unbeeinflusst vom Presserummel, freilich nur das beurteilen, was er auf dem vorliegenden Tonträger hört – und das ist zumindest erstaunlich durchwachsen. So vermag gerade der Walzer der Juliette „Je veux vivre“ aus Gounods „Romeo et Juliette“ ganz und gar nicht zu überzeugen – und gerade ihr Einspringen in die weibliche Hauptrolle für Anna Netrebko bei den Salzburger Festspielen 2008 hatte Machaidze schlagartig bekannt gemacht: Wir hören hier eine vibratoreiche Stimme mit leicht scharfem Beiklang in der Höhe, die die eigentlich so zauberhaften Kantilenen des Walzers über weite Strecken in Einzeltöne zerhackt; so hölzern und unorganisch erlebt man dieses Stück nur selten. Hinzu kommt das völlig unidiomatische Französisch: Machaidze verzerrt die Worte und Silben bis zur völligen Unkenntlichkeit, und sie weiß mit den Gestaltungsmöglichkeiten, die eine so musikalische Sprache wie das Französische bei einigermaßen korrekter Phonetik böte, offensichtlich überhaupt nichts anzufangen. Aus ähnlichen Gründen kann sich der Rezensent auch für das „Adieu, notre petite table“ der Manon (Massenet) nicht wirklich erwärmen: Machaidzes Stimme kommt selbst im Pianissimo niemals zur Ruhe; das ständige Flattern und die wenig natürliche Phonetik verhindern intime Unmittelbarkeit, verbauen vor allem jenes Mindestmaß an Schlichtheit, das hier am Platze wäre.
Im italienischen Repertoire, das den Hauptteil dieses Programms ausmacht, gibt es weit Überzeugenderes zu hören: Machaidze zündet so manches vokale Feuerwerk in den präsentierten Arien Donizettis, Rossinis oder Bellinis. Aber vergleicht man ihr „Ancora non giunse…/Regnava nel silenzio“ (Donizietti, Lucia di Lammermoor) etwa mit Anna Netrebkos Versionen, dann wird nur zu deutlich, um wie vieles runder vor allem die hohe Lage Netrebkos sich präsentiert, ja wie homogen und wie viel besser durchgestaltet das gesamte Stimmmaterial der älteren Kollegin ist. Qualitätsunterschiede in der Gestaltung erklären sich vom Technischen her, und daher bleibt zu wünschen, dass Nino Machaidze noch genügend Freiraum hat, um sich auf dieser Ebene zu vervollkommnen. Würde sie stattdessen verheizt, – und sie wäre nicht die erste –, dann wäre erneut ein Nachwuchstraum allzu früh ausgeträumt.

Michael Wersin, 06.08.2011



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