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Jean-Baptiste Lully

Armide

William Christie, Les Arts Florissants, Stéphanie d'Oustrac, Paul Agnew, Laurent Naouri u.a.

FraMusica/harmonia mundi 505
(168 Min., 10/2008) 2 DVDs

2006. Das Konservatorium von Paris. Junge Sänger scharren in schmucklosen Fluren nervös mit den Füßen. William Christie hat zum Vorsingen eingeladen. Der amerikanische Wahl-Franzose, berühmte Barockdirigent und Stimmenscout ist wieder auf der Suche nach Talenten, die sich in seinem Projekt „Le Jardin des Voix“ den letzten Feinschliff holen dürfen. Und aus den Castings, die in Paris, aber auch in New York und London stattfinden, werden es gerade zehn Sänger und Sängerinnen in den erlauchten Kreis schaffen. In der Dokumentation „Baroque Academie”, die von der Arbeit im „Jardin des Voix“ erzählt, muss die dreiköpfige Jury sich natürlich viel Mittelmäßiges anhören. Plötzlich aber kommt etwas unbeholfen die italienische Sopranistin Francesca Boncompagni hinein, singt die zarte Arie „Rossignols amoureux“ von Rameau – und nicht nur Christie sitzt gebannt auf der Stuhlkante. „Phänomenal. Das ist eine glatte Eins“, wird er danach über das Stimmwunder sagen. Zwei Jahre später steht Francesca Boncompagni auf der Bühne des Pariser Théâtre des Champs-Elysées. Es ist zwar nur die kleine Rolle einer „Schäferin“, die sie in „Armide“ von Jean-Baptiste Lully singt. Aber allein für ihre betörend schöne Innigkeit hätte sie jetzt eine Eins mit Sternchen verdient.
Immerhin gehört zu den Stimmtrainern des „Jardin des Voix“ kein Geringerer als Tenor Paul Agnew. Und mit ihm steht die Italienerin nun tatsächlich auch noch gemeinsam auf einer Bühne – in Robert Carsens Neuinszenierung von Lullys 1686 uraufgeführten Tragédie lyrique. Für das vergebliche Werben der Zauberin Armida um die Liebe und Gunst des Ritters Renaud hat Carsen ein recht einfaches Konzept entwickelt. Er lässt Renaud die Geschichte träumen. Nicht irgendwo, sondern gleich im prachtvollen Federbett des Sonnenkönigs, in das sich der erschöpfte Versailles-Tourist Paul Agnew einfach gelegt hat. Und kaum ist er in Tiefschlaf versunken, wird er auch schon zum Objekt der Begierde. In ihrer flammroten Robe bewegt sich Stéphanie d'Oustrac mit ihrem dramatischen Sopran dabei ständig am Abgrund – während Agnews Noblesse weiterhin ein Ereignis bleibt. Und was machte William Christie an jenem Abend mit seinen Les Arts Florissants? Das, was ihn von jeher auszeichnet: Er berührt mit der lange als stocksteif verunglimpften Barock-Rhetorik.

Guido Fischer, 20.08.2011



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