Bei diesem musikliterarischen Projekt muss man sich sogar auf streng riechende Winde einstellen. Schließlich nahm man es im 16. Jahrhundert mit guten Tischmanieren nicht so ernst. Und erst recht nicht der monströse Vielfraß Gargantua, der sich mit ganzen Ställen von Tauben und Hühnern die Wampe vollschlug. Doch auch ansonsten ist man jetzt mittendrin im ausgelassen deftigen Savoir vivre, das nicht nur der literarische Vater von Gargantua, François Rabelais, in seinen sprachgewaltigen wie hochamüsanten Sittengemälden festgehalten hatte. Auch Komponisten wie Clément Janequin, Orlando di Lasso und Claudin de Sermisy schrieben mit ihren Chansons herrliche Hymnen auf die geistige und leibliche Freizügigkeit. In dieser Welt fühlt sich der französische Countertenor und Paradiesvogel Dominique Visse schon seit langem pudelwohl. Nach „Une fête chez Rabelais“ und „Les plaisirs du Palais“ hat Visse mit seinem Ensemble Clément Janequin sowie dem Instrumental-Kollektiv Les Sacqueboutiers jedoch nun eine Rabelais-Revue auf die Beine gestellt, bei der es noch burlesker zugeht.
Ausgewählte Sauflieder wie auch lautmalerisch wilde Jagdszenen und derbe Verdauungsgeräusche wechseln sich da mit Ausschnitten aus Gargantuas Leben ab. Angefangen von seiner Geburt, die Rezitator Vincent Bouchot erzkomödiantisch nachstellt, bis zu Gargantuas Gründung der Abtei Thelema, in der die Klosterbrüder das Leben nach dem Motto feiern: „Fay ce que vouldras“ – „Tu was du willst“. So ungezügelt sich der musikalische Spaß in der Aufnahme eingenistet hat, so gibt es doch einen kleinen Wermutstropfen. Obwohl das CD-Büchlein auch dank surrealer Zeichnungen aus der Rabelais-Zeit ein wahrer Augenschmaus ist, gibt es weder von den in Mittelfranzösisch abgedruckten Rabelais-Texten noch von den Chansons eine Übersetzung. Dabei würde mancher sicherlich gerne aus voller Kehle etwa in Sermisys „Hau Hau hau je boys“ einstimmen: „Sechs Krüge wollen wir leeren zu dritt – Lasst uns saufen!“

Guido Fischer, 27.08.2011



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