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Wolfgang Rihm, Krzysztof Penderecki, Sebastian Currier

Lichtes Spiel, Duo concertante, Dyade, Time Machines

Anne-Sophie Mutter, Roman Patkoló, Michael Francis, Alan Gilbert, New York Philharmonic

DG/Universal 477 9359
(64 Min., 11/2010-6/2011)

Ein 35-jähriges Bühnenjubiläum feiert die Klassik-Branche kaum bis gar nicht. Im Fall von Anne-Sophie Mutter bietet sich das aber durchaus an. Denn vergegenwärtigt man sich, dass die 48-Jährige sich seit ihrem Konzertdebüt 1976 non-stop in der oberen Spitzenregion aufhält, ist das schon mehr als nur eine Meldung wert. Und weil sie in dieser Zeit eben nicht nur das gängige Repertoire gespielt, sondern sich stets auch für die Neue Musik eingesetzt hat, kann sie mit ihrer aktuellen Einspielung gar ein zweites, 25-jähriges Jubiläum begehen. 1986 hatte Mutter ein Werk des Polen Witold Lutosławski aus der Taufe gehoben und damit erstmals ihr Engagement für Zeitgenössisches beglaubigt. Inzwischen hat sie sich immer wieder Stücke von namhaften Komponisten schreiben lassen, die weniger das noch radikal Unbehauene im inneren Ohr haben. Wie die jetzt vier ersteingespielten Stücke belegen, favorisiert Mutter eine gemäßigte Moderne, die sich trotz einer traditionsbewussten Haltung so schnell nicht zähmen und bändigen lassen will.
Die von Mutter in Auftrag gegebenen Stücke sind somit allein spieltechnisch wahre Kraftakte, spannen sie doch einen weiten Bogen von beklemmender Rhapsodik bis zur urwüchsigen High-Speed-Raserei. Und allein in „Lichtes Spiel“ von Wolfgang Rihm sorgt Mutter mit schlicht grandiosem Zartbitterschmelz für aufwühlende Fin de siècle-Gesänge. Fast 18 Minuten dauert dieses Werk für Solo-Violine und kleines Orchester – und man möchte glauben, dass Rihm im Vorfeld von Mutters Kunst schlicht trunken war. Denn von seiner ansonsten hypernervösen, voller Schneisen und Schraffuren steckenden Klangsprache ist hier genauso wenig übrig geblieben wie in „Dyade“ mit seinem fluoreszierenden Melos. Von der Besetzung her ist dieses Rihm-Stück für Violine und Kontrabass ein rechter Sonderling. Da Mutter jedoch ein Fan vom jungen Kontrabassisten Roman Patkoló ist, hat sie gleich noch beim polnischen Altmeister Krzysztof Penderecki ein weiteres Werk für diese Kombination bestellt. Dessen „Duo concertante“ entpuppt sich als ein urwüchsiges, von Balkan-Rhythmen durchpeitschtes Showpiece erster Güte. Hier wie auch im Finale ist Mutter aber eine enthusiastisch wie mitreißend zu Werke gehende Neue Musik-Hebamme. Wobei Sebastian Currier ihr diesmal mit „Time Machines“ für Violine und Orchester ein siebensätziges, postmodern durchpulstes Bravourstück in die Finger geschrieben hat, das voller Gemeinheiten steckt. Doch zeigt Mutter auch nach 35 Jahren einfach keine Verschleißerscheinungen.

Guido Fischer, 10.09.2011



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