In der Barockoper sorgen normalerweise höhere Mächte von Jupiter abwärts dafür, dass es im Liebeskarussell heftig rund geht. Und nicht selten verliert man dabei den Durchblick, wer wen jetzt ins Visier genommen hat. Auch der Monteverdi-Zögling Francesco Cavalli setzte bei seinen buffonesken Täuschungsmanövern auf göttlichen Beistand – wie etwa in seinem Dramma per musica „La Calisto“. 1657, sechs Jahre nach seiner bis heute wohl bekanntesten Oper, kam Cavalli mit seinem Librettisten Nicolò Minato jedoch zum Schluss, dass auch irdische Wesen aus Fleisch und Blut für ausreichend Verwirrung sorgen können. Drei Frauen und drei Männer befinden sich daher in Cavallis Dreiakter „Artemisia“ auf einer Achterbahn der Gefühle. Angefangen von der verwitweten Königin Artemisia, die sich nach dem Motto „Vergib Deinen Feinden“ doch glatt in den (verkleideten) Mörder ihres Gatten vergucken wird. Zum guten Schluss, beim lieto fine, ist nicht nur dieses Liebesglück perfekt, sondern auch das von zwei weiteren Paaren.
Für diesen Allerweltsstoff hat Cavalli überraschenderweise seinen Instinkt für geniale Arienperlenketten extrem gezügelt. Stattdessen ist es die wie aus einem Guss wirkende, eng verzahnte Dramaturgie aus Rezitativen und Solo-Passagen, mit der Cavalli das Sehnen und Leiden, Hoffen und finale Jubilieren ungeschminkt, aber mit einfühlsamer Hand einfängt. In die einzelnen Stationen des nach außen gekehrten Seelenlebens hätte man sich gerne noch weiter vertieft. Leider ist das Libretto im Booklet lediglich im italienischen Original und englischer Übersetzung abgedruckt. Dafür knüpft das Alte Musik-Ensemble La Venexiana unter Claudio Cavina nahtlos an die kammermusikalische und ungemein impulsive Erzählkunst an, die man schon bei den Monteverdi-Opern angeschlagen hatte. Und auch das Solistenteam sorgt bis auf Countertenor Andrea Arrivabene für höchsten Genuss im Stimmschauspielerischen. Allen voran sind es die Sopranistinnen Francesca Lombardi Mazzulli in der Titelpartie und Roberta Mameli als Artemia, die das Feuer der Leidenschaft beglückend tonschön verinnerlicht haben.

Guido Fischer, 17.09.2011



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