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Franz Liszt, Richard Wagner, Alban Berg, Olivier Messiaen u.a.

Sonaten, Klavierstücke

Pierre-Laurent Aimard

DG/Universal 4779439
(146 Min., 5/2011) 2 CDs

Es sind momentan die drei berühmtesten Oktaven-Schläge der Musikgeschichte. Denn es ist Liszt-Jahr. Und kein Pianist kommt an der h-Moll-Sonate vorbei, die sich nach den repetierenden Eröffnungsoktaven zu einer wahren, über 760 Takte ziehenden Marterstrecke für Körper und Geist entwickelt. Auch Pierre-Laurent Aimard hat es sich bei seiner mit „Liszt-Project“ betitelten Aufnahme nicht nehmen lassen, sich auf diesen Riesenparcours einzulassen. Und was hat Aimard auf den unwegsamen Pfaden mit ihren dramatisch gefährlichen Klippen und abrupten Einschlägen nicht alles entdeckt. Mephistophelische Dämonie, fahle Brillanz und trügerische Gesanglichkeit. Beim Franzosen kündigt sich so nicht nur jene Bitternis des Herzens an, die für Liszt zum Motor seiner letzten Schaffensjahre wurde. Mit seiner faszinierend ultra-nuancierten Klangfülle machte Aimard den Einfluss der späten Beethoven-Sonaten genauso erlebbar wie die visionäre Modernität Liszts. Und genau darum geht es ihm eigentlich bei seinem sensationell durchleuchteten und genau durchdachten, aber nie kopflastigen Programm. Er will den Zukunftsmusiker Liszt anhand musikästhetischer Verwandtschaftsbeziehungen porträtieren.
Auf der ersten CD greift Alban Bergs einsätzige Klaviersonate plötzlich aus der zeitlichen Distanz von fast sechzig Jahren das feierlich Schwärmerische auf, das in Richard Wagners 1853 komponierten, immer noch sträflich überhörten Klaviersonate aufflackert. Dann wieder wird das gereizte Frühwerk des Schönberg-Schülers zum fernen Echo jener prismatischen Chromatik, mit der Liszt seine späten, nur oberflächlich schmucklosen Klavierstücke gespickt hatte. Und bei den dissonanten Reibungen und Quartschritten, die Aimard in den hochgradig schwermütigen Klang-Konzentraten „Nuages gris“ und „Unstern“ freilegt, begreift man, warum beide Stücke bei ihrer Erstveröffentlichung 1927 für zeitgenössische Kompositionen gehalten wurden. Nicht weniger packend feinnervig lotet Aimard dann auf der zweiten CD die (allesamt überraschenden) Berührungspunkte zwischen unterschiedlichsten (Klang-)Phänomenen in Gottes freier Natur aus. Da jubilieren die Vögel bei Liszt, Olivier Messiaen und auch beim Italiener Marco Stroppa. Oder Aimard beugt sich über glitzernde Wasserspiele vom Jubilar und von Maurice Ravel. Das Liszt-Jahr 2011 – mit Aimard ist es eigentlich beendet.

Guido Fischer, 01.10.2011



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