Wäre diese Aufnahme vor 20, 30 Jahren erschienen, dann wäre sie wohl in mancher Hinsicht eine Sensation gewesen: Die sehr schlanke Orchesterbesetzung, die knackigen Tempi, die Barock-kompetenten Gesangssolisten (in der „Laudamus-Arie“ hören wir sogar Verzierungen, was in der Tat bis heute eine Seltenheit ist), das kreative freie Spiel des Continuo-Organisten, das ab und zu angenehm herauszuhören ist, und natürlich die alten Instrumente – all diese Aspekte sorgen bis heute für einen immer wieder aufs Neue fesselnden, mitreißenden Bachklang. Aber dieser Bachklang ist eben heute glücklicherweise schon die Regel geworden, und daher hört man viel genauer hin. Was sich dabei nicht unter den Teppich kehren lässt, ist die Qualität des Chores: Es handelt sich um ein vergleichsweise großes Ensemble von über fünfzig Personen (eine Abbildung ist im Beiheft), und die Sänger sind vermutlich keine Profis. Daher klappert es in den großen Chorsätzen immer mal wieder im Zusammenwirken mit dem Orchester, und es kommt gelegentlich zu Unsauberkeiten und andere Ungeschicklichkeiten. Da die h-Moll-Messe eine Menge Chorsätze enthält, kann man diesen Mangel – wie gesagt – leider nicht ignorieren.
Auf der Plus-Seite stehen dagegen ein gutes Orchesters, sehr niveauvolle Solisten und eine insgesamt sehr engagierte Darbietung mit dem bemerkenswerten Peter Seymour als „geistigem Vater“ – ein Chorleiter und Dirigent, der jahrzehntelang sicher unendlich viel Kraft in die Arbeit mit seinen Ensembles gesteckt hat und bei der Gründung des „Yorkshire Bach Choir“ im Jahre 1979 zweifellos ein Pionier in Sachen Aufführungspraxis war. Heute jedoch genügt dieser Chor nicht mehr ganz den allerhöchsten Ansprüchen, die eine international vertriebene Einspielung der h-Moll-Messe an die Interpreten stellt vor dem Hintergrund einer Vielzahl bereits existenter brillanter Aufnahmen.

Michael Wersin, 15.10.2011



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