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Franz Liszt

My Piano Hero

Lang Lang, Valery Gergiev, Wiener Philharmoniker

Sony 88697 891412
(65 Min., 4 & 6/2011)

Es ist absolut „in“ bei den „seriösen“ Klassik-Rezensenten, auf Lang Lang zu schimpfen – dass der chinesische Superstar längst ins Lager der populären Unterhaltungskünstler gewechselt hat und sich folglich nicht mehr um tiefschürfende Interpretationen aus der Perspektive von Komponist und Werk bemüht, scheint eine vielfach bestätigte Tatsache zu sein. Aber dennoch: Lang Lang ist zweifellos ein pianistisches Ausnahme-Talent, seine grandiosen technischen Fertigkeiten und seine – nun ja – Vermittlungsgenialität sind einfach nicht wegzudiskutieren. Der Anstand gebietet also, immer wieder genau hinzuhören, vor allem wenn Lang Lang zum Liszt-Jahr mit einer Hommage an den Jubilar hervortritt, der auch für seine persönliche Entwicklung eine wichtige Rolle gespielt hat. Und ist nicht bei Liszt auch die schiere Virtuosität ein wichtiger Aspekt? Vielleicht verträgt sich Lang Langs künstlerischer Ansatz mit der Musik dieses Komponisten ja irgendwie besser.
Wir haben es wirklich versucht – und wurden dennoch nicht überzeugt: Lang Langs buntes Liszt-Rezital mit „La campanella“, „Ave Maria“, einer „Ungarischen Rhapsodie“ und manchem mehr endet mit einer Live-Einspielung des ersten Klavierkonzerts, begleitet von den Wiener Philharmonikern unter Gergiev. Wir haben Sviatoslav Richters Einspielung unter Kondrashin zum Vergleich herangezogen. Fazit: Wer sich technisch allzu überlegen fühlt, verpasst offenbar leicht die Seele der Musik. Schon das oktavenschwangere Anfangsspektakel des ersten Satzes gerät bei Richter differenziert und aussagekräftig, bei Lang Lang dagegen donnert es einförmig und inhaltsleer dahin. Es folgen bei Richter zerbrechlich-sensible Kantilenen in unterschiedlichsten Farbnuancen, wo Lang Lang sich von Tastenfeuerwerk zu Tastenfeuerwerk hangelt und dazwischen zuckersüßes Einerlei präsentiert. Richter gräbt sich tief in die Musik hinein und ringt um adäquate Umsetzung, Lang Lang wartet mit tausendfach erprobten Sentimentalismen auf. Nein, auch bei Liszt können wir sein Spiel nicht wirklich genießen: An allen Ecken und Enden lauert das fatale „Zuwenig“ im gleichzeitigen „Zuviel“. Es mangelt an nachfühlbar ehrlicher Innerlichkeit, und der brillante Tastenzauber soll diesen Mangel kaschieren. Das funktioniert schmerzlich gut, die Popularität Lang Langs beweist es – aber mit ernsthafter künstlerischer Auseinandersetzung hat es zu wenig zu tun.

Michael Wersin, 22.10.2011



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