„Ich habe mich mit meiner ganzen Kraft bemüht, die Feinheit der französischen Musik mit jener der italienischen zu verbinden.“ Mit diesen Worten hatte André Campra einmal einen Band mit Kantaten eingeleitet. Campras Italianità geht aber nicht auf Reisen über die Alpen zurück. Als Sohn eines Italieners hatte der in Aix-en-Provence geborene Campra (1660-1744) das Südländische einfach im Blut, doch frischte er auch seine ganz im französischen Barockidiom gehaltenen Opern nicht einfach mit ariosem Schwung auf. Dafür baute er in sein selbstverständlich französischsprachiges Opéra-ballet „Le Carnaval de Venise“ glatt noch eine in Italienisch gesungene Miniopernszene ein – in Erinnerung an das erste Liebespaar der Operngeschichte, Orpheus und Euridice. Vor deren Auftritt ist aber die eigentliche Handlung der 1699 in Paris uraufgeführten Opern-Köstlichkeit längst vorbei.
Zwei Frauen verlieben sich in denselben Mann. Was einen eifersüchtigen Nebenbuhler auf die Palme bringt und zu Intrigen zwingt. Mag das Libretto von der Stange sein – Campras Musik ist das genaue Gegenteil! Mit seinen würdevollen, unter die Haut gehenden Arien war er das perfekte Bindeglied zwischen Lully und Rameau, inszenierte das karnevaleske Treiben aber mit einer musikalisch anspringenden Fülle, dass es nur so eine Wonne ist. Dass die mehr als zwei Stunden Spielzeit wie im Flug vergehen, liegt aber nicht zuletzt am französischen Dirigenten Hervé Niquet, der seinem Ruf als Midas der Barockopernszene alle Ehre macht. Mit seinem eingespielten Team vom Concert Spirituel zündet er eine Pointe nach der anderen. In den innigen Arien sorgt er für magischen Zauber. Sieht man davon ab, dass gerade die beiden Protagonistinnen Salomé Haller (Sopran) und Marina De Liso (Mezzo-Sopran) nicht immer das Berührungspotenzial dieser Musik ausschöpfen, komplettiert ein durchweg großartig aufgestelltes Sänger-Ensemble diese überfällige Wiederentdeckung.

Guido Fischer, 29.10.2011



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