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Diverse

Christmas – Improvisationen über internationale Weihnachtslieder

Kay Johannsen

Carus/Note 1 CAR83.368
(60 Min., 3/2011)

Das Improvisieren an der Orgel ist eine jahrhundertealte Tradition, und wer einmal die Kunst eines wirklich begabten Improvisators live erlebt hat, der vergisst das nicht so schnell. Komplexer noch als am Klavier stellt sich das Fantasieren an der „Königin der Instrumente“ dar, denn es gilt hier in der Regel, mit mehreren Manualen zu operieren, die immer neu registriert und gekoppelt sein wollen – die klanglichen Möglichkeiten erweitern sich dadurch immens, aber der mit dem Erfinden eigentlich voll beschäftigte Spieler muss zusätzlich noch einiges mehr im Auge behalten und planen als nur die Musik selbst.
Kay Johannsen ist in dieser reizvollen Disziplin ein wahrer Könner; mit „seinem“ Instrument, der Mühleisen-Orgel in der Stiftskirche Stuttgart, scheint er geradezu verwachsen zu sein: Spielerisch präsentiert er bei seinem Gang durch das europäische Weihnachtslied-Repertoire nebenbei auch ein weites Spektrum der klanglichen Möglichkeiten dieser Orgel. Am Beginn von „Leise rieselt der Schnee“ entwirft er die wundervolle Atmosphäre einer leise beschneiten zauberhaften Winterlandschaft, vielleicht zur Nacht vom Vollmond beschienen, als erstaunlich plastisches Klangpanorama. In „Maria durch ein Dornwald ging“ beleben kleine rhythmische Motive, die dem Spiel auf einer Handtrommel nachempfunden sind, das Duett der Liedmelodie mit einer Gegenstimme. Bei „Jingle Bells“ hört man tatsächlich die Glöckchen des durch den Schnee rasenden Schlittens bimmeln. Johannsen liebt außerdem rhythmische Effekte, und das nicht nur in südamerikanischen Nummern wie „Corramos, corramos“ oder „Navidava puri nihua“, sondern auch z. B. in „O du fröhliche“, dessen zwei-Halbe-Metrum er durch Überlagerung mit einem Sechs-Viertel-Metrum zum Schwingen bringt. Viel gibt es zu entdecken auf dieser CD, deren Musik für den Hörer trotz aller Kunstfülle immer überschau- und mitvollziehbar bleibt. Der Grund dafür ist neben der konzeptuellen Klarheit, die Johannsen offenbar für jedes der Lieder im Vorfeld für sich gewonnen hat, auch die Selbstbeschränkung: Rhythmus und Klang werden kreativ und vielschichtig eingesetzt, die Harmonik bleibt dabei indes stets geradlinig und eindeutig; Johannsen verkünstelt sich nicht auf dem weiten Feld spätestromantischer Akkordschichtungen französischer Prägung, sondern führt den Hörer mit stringenter, nur leicht angereicherter Haupt- und Nebenstufen-Harmonik durch seine kleinen Weihnachts-Szenen.

Michael Wersin, 05.11.2011



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