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Anton Bruckner, Jean Sibelius, Carl Nielsen

Sinfonie Nr. 9 d-Moll, Nr. 2 D-Dur, Nr. 4 „Das Unauslöschliche“ und Nr. 5

Gustavo Dudamel, Göteborger Sinfoniker

Universal/DG 477 9449
(180 Min., 2008-2010) 3 CDs

Die Zeiten, in denen man in Europa herablassend von kulturellen Randgebieten sprechen konnte – nach dem Motto: ‚Haben die etwa auch ein Sinfonieorchester!?‘ ‒ sind längst vorbei. Spätestens seit Neeme Järvi 1982 ihr Chef wurde (und 22 Jahre lang blieb), gehören Göteborgs Symfoniker zu den renommiertesten des Kontinents. Damals war Gustavo Dudamel gerade mal ein Jahr alt. 29 Jahre später und 4 Jahre nach seinem Amtsantritt legt der venezolanische Senkrechtstarter (der längst nicht nur mit seinem Simón Bolívar Youth Orchestra groß im Geschäft ist) nun sein Göteborger Debütalbum vor. Mit einem Programm, das zur Hälfte doch wieder jene „indignierten“ (kontinentaleuropäischen) Fragen provoziert: Wie kann ein Venezolaner in Schweden Bruckner dirigieren!? Was hat ein sambaverrückter Wuschelkopf (als solcher reüssierte Dudamel bekanntlich) mit unserem heiligen Eremiten aus St. Florian zu schaffen!? Leider wenig. In Bruckners Neunter bestätigt Dudamel die Vorurteile, reiht er doch konzeptlos Aufgeregtheit an Aufgeregtheit. Crescendo bedeutet ihm gleichzeitig accelerando (wenn‘s lauter wird, rennt er davon), umgekehrt verliert er sich in Kleinteiligem und irritierenden Akzentsetzungen oder schwelgt in geigenlastigem Pathos (mit einem fast „glissandierten“ Nonensprung im Adagio). Von Bruckners langem Atem und strenger Zäsurenkunst, großflächigem Spannungsaufbau und klar konturierten Fortissimo-Blöcken ist Dudamels Neunte so weit entfernt wie Caracas von Linz. Die (zweifellos vorhandene) Emphase, mit der der Venezolaner aus Bruckner einen verunglückten Tschaikowsky macht, tut den skandinavischen Sinfonikern seines Göteborg-Albums hingegen gut, zumal die Landsleute sich hier spürbar sicherer auf heimischem Boden (mit einem über 100jährigen Erfahrungswissen) bewegen. Allerdings lassen die „nervösen“ Temposchwankungen und der scharfe, bläserlastige Klang auch bei Sibelius‘ zweiter Sinfonie kaum „Ruhe“ bzw. jenes Gefühl von skandinavischer Weite aufkommen, das man etwa von Dudamels großem Vorgänger Järvi her schätzt. Nielsens erregende, von provozierendem Schlagwerk und grellen Dissonanzen aufgeschreckte Fünfte wie auch seine zwischen Beklemmung und berstender Vitalität changierende Vierte liegen dem Venezolaner zweifellos am besten. Ein sehr durchwachsener CD-Einstand des charismatischen Heißblüters im kalten Norden.

Christoph Braun, 19.11.2011



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