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Johannes Brahms, Arnold Schönberg

Klavierquartett Nr. 1 g-Moll, orchestriert von Schönberg, Begleitmusik zu einer Lichtspielszene op. 34, Kammersinfonie Nr. 1 op. 9b

Simon Rattle, Berliner Philharmoniker

EMI 4578152
(74 Min., 10 & 11/2009)

Keine Angst – Simon Rattles neue Berliner CD bietet nicht nur Schönberg. Über die Hälfte hat man es, wenn auch in Schönbergs Fassung, mit Brahms‘ g-Moll-Klavierquartett zu tun, das der vielgeschmähte Kakophoniker im amerikanischen Exil 1937 instrumentierte. Wozu? Schönberg selbst behauptete, die Originalfassung würde „immer schlecht gespielt, weil der Pianist desto lauter spielt, je besser er ist, und man nichts von den Streichern hört. Ich wollte einmal alles hören, und das habe ich erreicht“. Abgesehen davon, dass er die Referenzaufnahme des Guarneri-Quartetts mit Rubinstein nicht kennenlernen konnte, so bietet seine Orchesterversion doch weit mehr als Brahms Opus 25, vor allem buntes Schlagwerk, das den ungarischen Touch des Werkes recht direkt herauskehrt. Seit jeher beschimpft man denn auch die „schäumende Orchesterzirkus-Nummer“ und „geschmacklose Aufmotzung“ der noblen Kammermusik. Andererseits: Wer schwärmt nicht von den warmen Holzbläserkantilenen, überhaupt Schönbergs ausgeklügelter Klangfarbenregie dieser „fünften Brahms-Sinfonie“? Simon Rattle jedenfalls ist – fern aller Puristik – ein famoser Zirkusdirektor, der es mitreißend funkeln und auch krachen lässt. Und der gleichzeitig mit subtilstem Fingerspitzengefühl Brahms‘ herb-melancholisches Melos, nicht nur das „ungareske“, gleichermaßen schwelgerisch und schlank zum Singen bringt.
Auch die beiden „echten“ Schönbergs der Platte bieten – dank einer überaus konzisen Berliner Orchesterarbeit – Emphase pur. Derart bis ins Letzte dynamisch ausgefeilt, lassen sich die Angstvisionen von Schönbergs zwölftöniger „Begleitmusik zu einer Lichtspielszene“ (einer imaginären!) von 1929/30 leicht nachempfinden. Die durchkomponierte Kammersinfonie von 1906 (in der Fassung für großes Orchester) wiederum trägt zwar noch ein tonales „E-Dur“-Mäntelchen, sie provoziert jedoch schon allein mit ihren berühmten Quartenfanfaren jene revolutionäre „Emanzipation der Dissonanz“, die Schönbergs Zeitgenossen als „ungepflegte Demokratengeräusche“ zu bezeichnen pflegten. So suggestiv und in brillanter Spiellaune präsentiert wie von Rattles Berlinern kann Schönbergs Schwellenwerk heutzutage nur begeistern, „demokratische“ Dissonanzen hin, „diktatorische“ (bürgerliche) Tonalitätsrelikte her.

Christoph Braun, 26.11.2011



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