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John Taverner

Imperatrix inferni – Votivantiphonen und liturgische Musik

Alamire, David Skinner

Obsidian/Note 1 OBSCD707
(70 Min., 11/2010)

Dass der Erfolg beim Aufführen vokalpolyphoner Musik der Renaissancezeit vor allem an der Auswahl hundertprozentig geeigneter Interpreten hängt, wird schon ganz am Anfang dieser großartigen CD unmissverständlich klar: Indem sich der sechsstimmige Satz von „Quemadmodum desiderat cervus“ („Wie der Hirsch schreit“) imitatorisch von unten her aufbaut, stellen sich die Sänger von „Alamire“ (je zu zweit in einer Stimme) gleichzeitig nacheinander vor. Kräftige, gerade geführte Stimmen hört man, geradezu erschütternd markant und dunkel in Basslage, obertonreich leuchtend dagegen in höheren Bereichen. Vibratofrei, aber nicht leblos – kompromisslos bereit, sich in einen Gesamtklang einzufügen, aber keineswegs ohne Individualität: So müssen Ensemblesänger im Alte-Musik-Genre agieren wollen und können. Aber in der Beschränkung liegt auch die Erfüllung: Wenn es so tönt, dann gibt es kaum etwas Schöneres, als Teil eines solchen Klangereignisses zu sein, das ja selbst den Hörer am CD-Spieler noch mit einzubeziehen scheint.
Das Pendant zum maskulin dominierten Klang des ersten Stücks ist in „Audivi vocem“ zu erleben: glasklarer dreistimmiger Frauenklang am Beginn, blitzsauber und ätherisch, dabei aber u.a. durch wohlgesetzte Portamento-Effekte im Diskant von anheimelnd zarter Wärme bestimmt. So ein Ensemble könnte auch das Telefonbuch vortragen und würde immer noch begeistern, möchte man meinen. Aber mit John Taverners einzigartiger polyphoner Ensemblekunst erzielt „Alamire“ wahrhaft umwerfende Effekte. Eine kaum zu übertreffende künstlerische Leistung!

Michael Wersin, 26.11.2011



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