Der 1735 geborene Bach-Sohn Johann Christian, jener u.a. in der Mozart-Biografik auftauchende „Londoner Bach“, hat vielleicht am gründlichsten mit den Traditionen seiner Familie gebrochen: Zunächst wurde er in Berlin von seinem Halbbruder Carl Philipp Emanuel gefördert; dann wandte er sich nach Italien und verbrachte einige Zeit in den Diensten des Mailänder Grafen Agostino Litta, um Ende 1759 schließlich zum katholischen Glauben zu konvertieren: Dieser Schritt ermöglichte es ihm, die Stelle des Mailänder Domorganisten zu übernehmen. Aus seiner Mailänder Zeit stammen wohl auch die hier präsentierten, gleichfalls zur katholischen Liturgie gehörigen geistlichen Kompositionen – ein „Requiem“, das nur Introitus, Kyrie und Sequenz enthält, sowie eine Vertonung des 51. Psalms („Miserere mei Deus“). Stilistisch ist diese Musik geprägt einerseits vom Einfluss des renommierten Komponisten und Gelehrten Padre Martini, der Bach in Italien unter seine Fittiche genommen hatte, andererseits aber auch von der Stilistik der Berliner Schule, die er durch seinen Halbbruder vermittelt bekommen hatte. So kommt es, dass traditionelle kirchenmusikalische Elemente v.a. der katholischen Tradition (z.B. die polyphone Anlage der ersten Sätze des Requiems über einem Cantus firmus aus dem in Mailand gepflegten ambrosianischen Choralrepertoire) sich mit der typischen Satztechnik der Übergangszeit zur klassischen Epoche verbinden, zu deren Merkmalen eine deutlich reduzierte Stimmenzahl und eine von starken dynamischen Effekten geprägte expressive Melodik zählen.
Christoph Rademann und sein RIAS-Kammerchor musizieren die beiden Werke routiniert und differenziert auf gewohnt hohem vokalem Niveau – ein faszinierend homogener und doch stets auch sehr plastischer Chorklang, der nach wie vor wegweisend ist. Dagegen fallen die Vokalsolisten teilweise ein wenig ab: Der Bassist setzt am Beginn der Sequenz die Textworte „Quantus tremor“ allzu direkt in Musik um. Erfreulicher fällt die Begegnung mit der Sopranistin Lenneke Ruiten aus, die nicht so sehr mit Strahlkraft, aber immerhin mit angenehm dunklem Timbre punkten kann. Grandios bewährt sich einmal mehr die „Akademie für Alte Musik Berlin“: Ein so geschmeidiger, flexibler und nuancenreicher Klang, wie hier zu hören, ist im Alte-Musik-Sektor noch immer keine Selbstverständlichkeit.

Michael Wersin, 17.12.2011



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