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Domenico Scarlatti, Antonio Lotti, Giovanni Legrenzi u.a.

Lamentazione ‒ Stabat Mater, Crucifixus, Miserere

Paul Agnew, Les Arts Florissants

Virgin Classics/EMI 0709072
(56 Min., 9/2010)

Im Booklettext will Paul Agnew allen HiFi-Freaks direkt den Wind aus den Segeln nehmen, indem er auf die aufnahmetechnischen Unzulänglichkeiten dieses gar nicht zur Veröffentlichung gedachten Live-Mitschnitts hinweist. Doch diese Vorwarnung ist im Grunde überflüssig. Denn um wie viel beeindruckender ist dafür der emotionale Gehalt, mit dem Dirigent Agnew und Les Arts Florissants diese italienischen Klagegesänge gestalten. Die sechs Kompositionen aus dem späten 17. und frühen 18. Jahrhundert stehen zwar für jenen streng kontrapunktischen „stile antico“, mit dem man sich gerade in Rom von den musikalischen Untugenden der Oper distanzierte. Wer aber allein das noch nicht mal dreiminütige „Crucifixus“ des Venezianers Antonio Lotti hört, kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus, wie hier aus einer Keimzelle ein zehnstimmiges Wunderwerk voll kühner wie einnehmender Espressivo-Chromatik entsteht. Und Leonardo Leos „Miserere“ verharrt trotz der Rückbezüge zur Gregorianik nicht etwa im Ultra-Konservatismus, sondern leuchtet erhaben.
Dem in der Abbaye d´Ambronay aufgenommenen Konzert mit Lamentokompositionen u.a. von Domenico Scarlatti („Stabat Mater“) und Antonio Caldara („Crucifixus a 16“) mag man vielleicht die fehlende Trennschärfe des Stimmengeflechts vorwerfen. Paul Agnew setzt andererseits als Gastdirigent bei Les Arts Florissants das um, was Ensemble-Gründer William Christie von jeher auch mit seinen Einspielungen etwa von Monteverdi gepredigt hat. Was nützt all die Präzision und Transparenz polyphoner Strukturen, wenn solchen barocken Meisterwerken Ausdrucksfülle und –spannung fehlen. Und gerade davon besitzt der Chor von Les Arts Florissants bis in die Solisten-Parts hinein ein weiterhin zu bewunderndes Höchstmaß.

Guido Fischer, 07.01.2012



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