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Boris Yoffe

Song Of Songs

Rosamunde Quartett, The Hilliard Ensemble

ECM/Universal 4764426
(52 Min., 11/2009)

„Alles, was der Mensch tut, drückt sein intuitives Wissen aus. Es gibt aber keine Methode, dieses Wissen in Begriffen festzuhalten – das Intuitive in das Bewusste zu verwandeln – ohne das Wesentliche zu verlieren.“ Mit diesen Worten begrüßt der 1968 in Petersburg geborene Komponist Boris Yoffe die Besucher seiner Website. Sie sind eine Verständnishilfe für die Hohelied-Vertonungen (sind es wirklich „Vertonungen“? „Meditationen“ wäre vielleicht ein besseres Wort), die auf der vorliegenden CD vom Rosamunde-Quartett unter Mitwirkung des Hilliard Ensembles vorgetragen werden. Einen weiteren Baustein in puncto Verständnishilfe liefert im Beiheft der Komponist und Kompositionslehrer Wolfgang Rihm, der Yoffe als Student betreut hat: Sein Statement zu Yoffe mündet refrainartig immer wieder in die Worte „Wieder konnte ich ihm nichts sagen“. Seit Mitte der Neunziger Jahre schreibt Yoffe kurze Streichquartette, die jeweils auf einer Seite Platz haben – ungefähr täglich eines. Streichquartette sind auch die vorliegenden Kompositionen; allerdings sind außerdem streckenweise jeweils vier Sänger des Hilliard Ensembles zu hören, die zu den Streicherklängen Abschnitte aus dem „Hohelied“ vortragen, in hebräischer Sprache offenbar. Die kompletten Texte sind nirgends wiedergegeben, und die ins Englische übersetzten Incipits, die das Beiheft auflistet, decken sich nicht in allen Fällen mit den gängigen Bibelversionen. Solche Widersprüche werden nicht aufgelöst, Boris Yoffes Musik wird alles in allem wohl ganz bewusst als Mysterium präsentiert. Aber das macht nichts: Sie spricht für sich selber. Sie ist von hoher intuitiver Kraft; ihr polyphones Geflecht bildet harmonische Verläufe, die man weder als tonal noch als atonal bezeichnen möchte. Es gibt kein wirkliches Beginnen und kein Ende, sondern ein frei im Raum schwebendes Kontinuum immer wieder neu sich bildender und wieder lösender musikalischer Gestalten, musikalischer Gesten. Die Musik als solche scheint hier mit sich selbst zu kommunizieren und dabei – erwartungsgemäß – gleichzeitig über sich hinauszuweisen. Eigentlich erübrigen sich – im Angesicht des Wesentlichen, das hier evoziert wird – alle Worte; eine faszinierende CD.

Michael Wersin, 21.01.2012



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