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Guillaume Dufay, Gilles Binchois, Johannes Ockeghem u.a.

Die flämische Polyphonie

Capilla Flamenca, Ensemble Musica Nova, Ensemble Organum, Vox Luminis u.a.

Ricercar/Note 1 RIC 102
(626 Min., 1995-2011) 8 CDs

Die franko-flämischen Komponisten des 15. Jahrhunderts griffen für ihre Messen nicht immer nur auf einen Gregorianischen Choral als Cantus Firmus zurück, um ihre gelehrte Kontrapunktik unter Beweis zu stellen. Bisweilen konnte es eine weit verbreitete, weltliche Melodie sein, aus der man sogar kunstvolle Propaganda-Musik schuf. Wie im Fall des Lieds „L´homme armé“ (Der bewaffnete Mann), das in seiner Urform martialische Kreuzritter-Stimmung besitzt. In immerhin 31 Vertonungen hat sich einst die aus Nordfrankreich und dem heutigen Belgien stammende Komponistenphalanx mit „L´homme armé“ beschäftigt. Und allein die Beispiele von Pierre de la Rue und Josquin Desprez bezeugen, wie man damals auch solche Vorlagen feingeistig polyphon und zugleich empfindsam beredt zu verarbeiten verstand.
Mit „Bellum & Pax“ ist dieses Kapitel um Macht und Musik überschrieben. Zugleich bildet es das Finale einer Einführung in die flämische Polyphonie, wie man sie sich sinnfälliger und kompetenter nicht vorstellen kann. Aber um so eine komplexe wie einflussreiche Musikepoche repräsentativ und zugleich tiefgehend aufzufächern, hat der belgische Musikwissenschaftler Jérôme Lejeune nicht nur ein Autoren-Team zusammengestellt, das die flämischen Revolutionen des mehrstimmigen Gesangs in einem 200 Seiten starken Buch spannend erläutert. Als Gründer des auf die Alte Musik spezialisierten Labels Ricercar konnte Lejeune die 8 CD-Box durchweg mit erstklassigen Einspielungen von Werken jener Komponistenleuchttürme bestücken, die bis weit nach Italien strahlten. Und ob man Messen, Motetten, Madrigale und Chansons von Berühmtheiten wie Guillaume Dufay und Gilles Binchois bewundert oder solche Geheimtipps wie Johannes Ciconia – das ist lebendige und damit beeindruckend hochaktuelle Musikgeschichte.

Guido Fischer, 04.02.2012



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