In der frühen Barockzeit wurde die Instrumentenfamilie der Gamben – grob gesagt – von derjenigen der Violinen abgelöst. Dies geschah jedoch nicht in allen kulturellen Zentren Europas gleichzeitig. Hört man diese CD mit überwiegend frühbarocker Musik, dann könnte man sogar annehmen, es sei in jenen Jahrzehnten noch einmal zu einer regelrechten Blüte des Gambenspiels gekommen. Interessant etwa die Kombination von Stimmen und Gamben in einem Madrigal von Domenico Mazzocchi, die Bassgambenspieler und Leiter Andrea de Carlo auf dieser CD erprobt, weil Mazzocchi selbst im Vorwort seines ersten Madrigalbuchs ausdrücklich auch das Musizieren der Stücke unter Beteiligung eines Gambenconsorts erwähnt. Ein zweites Madrigal Mazzocchis lässt de Carlo CD gleich allein von den Gamben spielen.
Als Rarität präsentieren sich zwei als „Ricercar“ bezeichnete Stücke Giovanni Pierluigi da Palestrinas, laut Beihefttext seine einzigen Instrumentalwerke überhaupt: Mit ihrer polyphonen Verflechtung auf Basis von durch alle Stimmen wandernden Soggetti ähneln sie freilich stark der Vokalmusik Palestrinas – ihre Soggetti sind so sprachnah erfunden, dass die Worte zum Greifen nah scheinen.
Zu den schönsten und mitreißendsten Werken dieser CD zählen ohne Zweifel drei Canzonen und ein Madrigal von Cherubino Waesich, einem während der 1630er und 1640er Jahre in Rom ansässigen Komponisten, über den es kaum biografische Daten gibt: Waesich beherrschte den typisch frühbarocken, einerseits noch polyphonen, andererseits aber schon über einem Generalbass entfalteten Satz offenbar perfekt; wie filigran und geschmeidig ist seine schon ganz der „seconda pratica“ verpflichtete Melodik!
Die Schönheiten der hier vorgestellten Werke kommen natürlich vor allem dadurch zur Geltung, dass die Instrumentalisten des „Ensemble Mare Nostrum“ und die Sänger von „Vox Luminis“ allesamt Meister ihres Fachs sind: Sie bringen jede einzelne Kantilene optimal zum Erblühen und vereinen sich gleichzeitig zu einem warmen, fülligen und dennoch immer auch grazilen Gesamtklang, der Seinesgleichen sucht.

Michael Wersin, 11.02.2012



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