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Heinrich Isaac

Ich muss dich lassen – Lieder und Motetten

Capilla Flamenca, Oltremontano, Dirk Snellings

Ricercar/Note 1 RIC 318
(65 Min., 3/2011)

Heinrich Isaac war einer der größten und gefragtesten Komponisten seiner Epoche; in Florenz, Innsbruck, Konstanz und weiteren Stationen hinterließ der vermutlich in Flandern Geborene um das Jahr 1500 herum seine Spuren. Er war ein Meister aller Gattungen seiner Tage, der geistlichen wie der weltlichen. Er beherrschte die intrikate Kunst der polyphonen, von schwierigen Kanontechniken geprägten Satzweise mit außerordentlicher Vollkommenheit. Vielfältigkeit und Flexibilität waren im umtriebigen Musikgeschäft an den großen Höfen dies- und jenseits der Alpen wichtige Voraussetzungen für ein gutes Auskommen. Gattungs- und Genregrenzen wurden in alle Richtungen übersprungen, Urheberrechte gab es nicht.
Vor diesem Hintergrund hat sich der belgische Bassist und Ensembleleiter Dirk Snellings offenbar vorgenommen, mit dem auf den ersten Blick verwirrenden Programm dieser CD die Wandlungsfähigkeit musikalischer Ideen und die damit verbundenen künstlerischen und interpretatorischen Fertigkeiten zu präsentieren. An Isaacs heute wohl bekanntester Komposition, dem Lied „Innsbruck, ich muss dich lassen“, wird dies unmittelbar evident: Isaacs vierstimmiger Satz erklingt zunächst von einer Laute dargeboten, verziert wohl durch den Interpreten (Jan van Outryve). Dann tritt ein Altist (Marnix de Cat) hinzu und fügt die Melodiestimme mit dem Text der ersten Strophe dem Lautensatz bei. Dann übernehmen drei Gamben den Bass, Alt und Sopran des Satzes, und ein Sänger präsentiert dazu die durchaus eigenständige Schönheit der Tenorstimme von Isaacs Satz; gleichzeitig umspielt die Laute das ganze Geschehen mit in kleinere Notenwerte aufgelösten Harmonien. Rein vokal bieten dann vier Sänger die erste Strophe der um 1550 erstmals nachweisbaren geistlichen Kontrafaktur „O Welt, ich muss dich lassen“. Ebenfalls auf Basis von Isaacs Satz improvisiert danach eine Blockflöte über die Melodiestimme (diese in schnelle Notenwerte diminuierend); es begleiten Gamben und Laute. Daraufhin präsentieren drei Sänger Isaacs eigene dreistimmige, kanonische Bearbeitung des Liedes, die als „Christe secundum“ mit entsprechendem Text in seiner „Missa carminum“ Platz gefunden hat. Dieselbe Bearbeitung erklingt dann, mit weltlichem Text, in vokal-instrumental gemischter Besetzung … Noch Fragen?

Michael Wersin, 11.02.2012



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