Das hat es noch nie auf CD gegeben: In den Jahren 1949 bis 1952 spielte der Dirigent Karl Ristenpart für den RIAS mit den Ensembles des Senders rund 70 Bachkantaten ein. 29 davon sind nun auf neun CDs in dieser Box erschienen – eine Sensation, denn wir hören hier u.a. auch den jungen Dietrich Fischer-Dieskau, den damals außerordentlich gefragten Tenor Helmut Krebs und die Sopranistin Agnes Giebel. Letztere liefert mit ihrer Interpretation der Hochzeitskantate „Weichet nur, betrübte Schatten“ (BWV 202) ein besonders schönes Beispiel für eine Bach-Aufführungspraxis von beinahe zeitloser Qualität. Unterschiedlich gelungen sind Fischer-Dieskaus Beiträge: Koloraturen waren noch nie seine Stärke, sie wabern stets ungelenk daher, aber in ruhigeren Arien oder Rezitativen entfaltet er häufig eine ausgesprochen dichte, weihevolle Atmosphäre auf Basis seines wundervollen Timbres und seiner hier zumeist noch nicht ins Hypertrophe abgeglittenen souveränen Sprachbehandlung. Helmut Krebs erweist sich mit seiner schlanken, hellen, hervorragend tragenden Tenorstimme als idealer Bach-Vermittler.
Nun sei jedoch auch nicht verschwiegen, dass es auf diesen CDs auch Einiges zu hören gibt, das nicht unmittelbar begeistert, sondern vor allem das Interesse des Historikers oder auch des Nostalgikers weckt: Das Tempo ist in einer Reihe von Sätzen (etwa im ersten Chor von „Gottes Zeit ist die allerbeste Zeit“, BWV 106) so ruhig gewählt, dass selbst der noch überrascht ist, der mit deutlich langsameren Tempi gerechnet hat. Und vor allem in Chorsätzen begegnet einem gelegentlich ein so gleichförmiges Martellato in der Ausführung der einzelnen horizontalen Linien, dass man an eine Karikatur glauben möchte, wüsste man es nicht besser: Von musikalischer Rhetorik wusste man damals nicht allzu viel bzw. hatte eine fundamental andere Vorstellung davon. Das Faszinierende ist aber, wie breit das Spektrum der interpretatorischen Qualität (nach unseren heutigen Maßstäben) letztendlich ausfällt: Es gibt eben auch eine Menge sehr, sehr gelungener Sätze. Deshalb ist diese Box insgesamt nicht nur für denjenigen, der sich explizit für die Geschichte der Bach-Interpretation interessiert, von hoher Bedeutung. Auch wer das „alte“ Klangbild als solches oder die Gesangsstimmen der Vergangenheit gern hört, wird sich über so manchen sehr schönen Track auf diesen CDs freuen. Sehr zu hoffen ist, dass noch weitere Kantaten aus der Ristenpart-Aufnahmeserie auf CD erscheinen.

Michael Wersin, 10.03.2012



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