Nikolai Medtner

Arabesken, Elegien und andere kleine Klavierstücke

Hamish Milne


Hyperion/Codaex CDA 67851
(158 Min., 3/2011) 2 CDs

Seit Jahren widmet sich der britische Pianist Hamish Milne dem Schaffen Nikolai Medtners mit seltener Hingabe. Die beiden teilen ein Schicksal: Weder der einsame Rang des Pianisten noch jener des Komponisten ist bislang von einer größeren Schar in verdientem Maß gewürdigt worden. Vielleicht bietet ja diese CD manchem eine Gelegenheit, es nachzuholen.
Nikolai Medtner (1879-1951), von gleichem künstlerischem Format wie seine berühmteren Zeitgenossen Rachmaninow und Skrjabin, ist immer noch viel unbekannter, auch wenn sein Werk mittlerweile in Aufnahmen geradezu erlauchter Qualität zugänglich ist. Er entstammte einer deutschstämmigen Familie, die mit einer sektiererischen Hingabe an deutscher Kultur hing. Der Urgroßvater korrespondierte mit Goethe und Wagner, und diese verklärte Erinnerung prägte Medtners skeptischen Blick auf die Gegenwart des gärenden Russland um 1900. Es ist Beethoven, dem der junge Klavierstudent Nikolai einen fast religiösen Kult widmet. Pseudoreligiös sollte sein künstlerisches Selbstverständnis bleiben, und die Beethovensche Klaviersonate sein ewiges Vorbild. Sein Bruder Emil, journalistischer Herold seines sektiererischen Ästhetizismus, formuliert 1909 die Mission Nikolais: „Gebe mir Gott, bis zu dem Moment zu leben, da du vollkommen der wirkliche Abschluss des germanischen Schaffens sein wirst; mag danach alles Zugrundegehen, in dieser entsetzlichen Vermischung der Sprachen.“ Eine Endfigur germanischen Schaffens wurde er aber nicht, im Gegenteil, die musikalischen Sprachen mischen sich in Medtners Musik auf eigenartige Weise. Nicht nur seine 12 monumentalen Klaviersonaten spinnen volkstümliche Weisen in die kunstvoll-klassische Motivarbeit ein. Fast noch konzentrierter hört man diese phantastische Zerrissenheit in den hier gesammelten Kleinformen.
Vom Opus 1, sehr Schumannesk, aber auf verstörend gebrochene Weise, bis zu den späten Elegien aus dem Londoner Exil spannt sich der Bogen der kleineren Kompositionen. Manche enthalten geradezu ein Destillat des eigenartigen Stils, der stilistisch Auseinanderstrebendes von Beethoven-Reminiszenzen bis zu verirrten Skrjabin-Anklängen fast gewaltsam zusammenzwingt. Eine Kunst, die die ganze Zerrissenheit und den Mystizismus Russlands dieser Jahre ausstellt. Hamish Milne bändigt diese komplexe, zuweilen überaus virtuose und überladene Musik mit einer wirklich staunenerregenden pianistischen Vollendung.

Matthias Kornemann, 07.04.2012


Kommentare

Kommentar posten

Pitero
Interessante Rezension mit guten Einblicken in Medtners Umfeld. Wenn davon gesprochen wird, dass sein Werk --in Aufnahmen geradezu erlauchter Qualität-- zugänglich ist, hätte ich mir da vielleicht den einen oder anderen Hinweis (bzw. Interpreten-Namen) gewünscht.

Antwort von Rezensent Matthias Kornemann, 11.4.2012:

Ein paar Hör-Anregungen hätte ich zu bieten:

Hamish Milne hat ja schon einmal den ganzen Medtner für ein kleineres Label aufgenommen, wiederveröffentlicht bei Brilliant. Klangtechnisch nicht ganz das Hyperion-Niveau, aber dafür auch sehr günstig zu bekommen.

Hamelin ist für mich ein eher überschätzter Notenfresser, aber seine Geamtaufnahme der Sonaten bei Hyprion gehört zu seinen besten Leistungen.

Erste Liga ist Gilels mit der Sonate op. 22 (in vielen ohnehin lohnenden Gilels-Kompilationen enthalten).

Faszinierend die dritte Vioinsonate mit VAdim Repin (ERATO, gibts nur noch antiquarisch, aber immerhin), und das erste, monumentale Klavierkonzert in einer wirklich mitreißenden Fassung mit Evgeny Sudbin (BIS).

Damit haben Sie schonmal eine ganz schöne Medtner-Strecke zusammen.




Pitero
Vielen Dank für Ihre Mühe und die ausführlichen Anregungen! Freue mich schon darauf, das eine oder andere auszuprobieren. Von Ihren Empfehlungen besitze ich bisher nur die Gilels-Aufnahme. Neben der Sonate op. 22 gibt es ja noch den wunderbaren Gilels-Mitschnitt der Sonate op. 38 (Carnegie Hall, 1969), den ich von einer alten Melodiya LP kenne.



« zurück

CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der
RONDO-Redaktion

Des Menschen Herz sehnt sich einfach nach melodramatischen Sujets: Was die Biografik im Jahrhundert nach Wolfgang Amadeus Mozarts Tod an süßlichen Anekdoten über seine angeblich so bitteren Wiener Jahre als verkanntes, verarmtes Genie gesponnen hat, klebt noch immer wie Zuckerwatte vor der Linse unvoreingenommener Werkbetrachtung. Der Musikforscher Christoph Wolff hat hingegen kürzlich in einem Buch untermauert, dass das Lebensgefühl des Salzburgers in der Hauptstadt wahrscheinlich viel aufstrebender war. "Vor den Pforten meines Glückes" wähnte sich Mozart, angekommen in Wien, angestellt am Kaiserhof, und - wie Wolff nachweist - bemüht, in seiner Musik einen imperialen Stil zu etablieren. Kompositorisch selbstbestimmt klingt auch die These, die Nikolaus Harnoncourt mit seinem Concentus Musicus nun vertritt: Die drei letzten, ohne Kompositionsauftrag in nur gut zwei Monaten hintereinander weg komponierten Sinfonien sind nicht etwa das Röcheln eines Genies, das mit sterbender Hand nach dem Himmel reicht, sondern ein ehrgeiziges Projekt - ein Instrumental-Oratorium. Die Motivbezüge und enge Verwandtschaft hat schon Peter Gülke nachgewiesen, nun erklärt Harnoncourt die drei Werke zu einer in sich geschlossenen, dreiteiligen Handlung für Musik, eine freimaurerisch inspirierte Initiation. Was konkret er selbst dem Werk an melodramatischen Sujets dabei ablauscht, will er aber nicht verraten, denn "die Musik Mozarts ist Sprache und spricht für sich."