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Johann Sebastian Bach

Messe h-Moll

Collegium Vocale Gent, Philippe Herreweghe

PHI/Note 1 LPH 004
(101 Min., 5/2011) 2 CDs

Zum dritten Mal präsentiert Philippe Herreweghe Bachs „h-Moll-Messe“ auf CD – lebenslanger intensiver Umgang mit diesem Werk steht als Erfahrungshorizont hinter dieser Produktion. Herreweghe kennt die Partitur: Er versteht es, in den Tutti-Sätzen die einzelnen Gruppen des Ensembles wohlgegliedert und abgestuft zu führen, etwa Streicherklang ohne Transparenzverlust zu bündeln oder mit Trompeteneinsätzen gezielte Farbtupfer zu streuen; Strukturen großer Verläufe werden unter seinen Händen übersichtlich und klar. Herreweghe hat auch eine gute Hand bei der Wahl der Musiker. Freilich, er kann sich ohnehin die Besten der Besten leisten, aber auch auf diesem Niveau ist Harmonie keine Selbstverständlichkeit. Mit Dorothee Mields und Hana Blažiková hat er zwei wundervolle Sopransolistinnen, deren Stimmen im „Christe“-Duett perfekt verschmelzen. Thomas Hobbs agiert schlank und sehr biegsam in der „Benedictus“-Arie, ist stimmlich vielleicht ein wenig zu leichtgewichtig. Damien Guillon ist als Altus eine reine Freude, und auch der altgediente Standard-Bass Peter Kooij bringt noch frischen Wind in die „Et in Spiritum Sanctum“-Arie. Für alle weiteren Beteiligten – auch sie ja teilweise Solisten wie etwa der großartig improvisierende Continuo-Organist oder die schlichtweg vollkommenen Oboisten – kann nur anonym Lob ausgesprochen werden: Das Beiheft nennt außer den Gesangssolisten und Herrn Herreweghe niemanden namentlich, was bei so kleinen Besetzungen mit Spezialisten an jedem Pult eine sträfliche Nachlässigkeit ist.
Eine schwer durchdringliche Anonymität ist im Übrigen – und hier liegt die gravierende Schwäche der Aufnahme – auch auf Ausdrucksebene zu beklagen: Herreweghe liefert eine sehr, sehr objektive h-Moll-Messe. Dass Barockmusik eine extrem sprechbegabte, hochexpressive Musik ist, die sich den abstrakten theologischen Artikeln des Textes mit jenen Affekten nähert, die auch „weltliche“ Emotionen versinnbildlichen, fällt unter den Tisch: Sind nicht „Christe eleison“ und „Domine Deus“ glühende Liebesduette zwischen Gott-Vater und Gott-Sohn, deren Musik womöglich sogar aus weltlichen Kantaten stammt? Ist nicht das schon 1733 für Dresden komponierte „Laudamus te“ eine Opernarie im seinerzeit hochaktuellen Stil? Wenn Bach sich nicht zu schade war, Geistliches analog zu Weltlichem in Musik zu setzen, sollten die Interpreten sich gleichfalls nicht in Askese üben – sonst wird so eine h-Moll-Messe leicht eine allzu sterile Veranstaltung.

Michael Wersin, 14.04.2012



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