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Johann Sebastian Bach

Johannes-Passion

La Petite Bande, Sigiswald Kuijken

Challenge/SunnyMoon CC72545
(105 Min., 4/2011) 2 CDs, SACDs

Etwa zeitgleich mit Konrad Junghänel spielte auch Sigiswald Kuijken im vergangenen Jahr eine „Johannes-Passion“ in Minimalbesetzung ein; Junghänel allerdings, dessen Produktion schon im November 2011 auf den Markt kam, entschied sich für die seltener zu hörende vierte Version des Werks, während Kuijken die erste Fassung präsentiert.
Minimalbesetzung – das bedeutet: vier Gesangssolisten und vier Ripienisten, die in den Chorsätzen hinzutreten (eine völlig solistische Besetzung scheint in der Johannes-Passion wegen der gelegentlichen Doppelnutzung einer Stimmlage nicht möglich). Bei den Instrumenten hingegen genügt ein Spieler pro Part, womit das „Orchester“ aus nicht mehr als etwa 13 Personen besteht. Dieser „Minimalismus“ wird innerhalb der historisierenden Szene immer noch heiß diskutiert, scheint doch die Quellenlage nicht hundertprozentig wasserdicht zu sein. Wie dem auch sei, eines der Hauptargumente der Kritiker ist mittlerweile widerlegt: Eine minimale Sängerbesetzung kann auch ein so großes, stimmlich forderndes Werk durchhalten, und die Balance zwischen Vokal- und Instrumentalsatz funktioniert perfekt – das haben zahlreiche Liveaufführungen in dieser Manier inzwischen bewiesen.
Wenn dann noch jene kaum unüberbietbare Unmittelbarkeit in puncto Einbeziehung des Hörers hinzukommt, die die vorliegende Darbietung mit ihrer Konzentriertheit und musikalisch-rhetorischen Dichte zu evozieren versteht, dann darf man jenseits aller historistischen Erbsenzählerei getrost fragen: warum denn nicht?
Für Sigiswald Kuijken steht, das ist durchweg deutlich wahrnehmbar, die theologisch-musikalische Aussage im Vordergrund. Dass er auf seine „alten Tage“ ein auch in rein klanglicher Hinsicht so attraktives Ensemble um sich versammeln kann, ist ein großes Glück für den Hörer: Ausdruckstiefe und pure Schönheit der Ausführung befinden sich in perfekter Balance. Benjamin Alard, der derzeit als Nachfolger in der Leitung der „Petite Bande“ gehandelt wird, erfüllt an der Truhenorgel die Doppelaufgabe der akkordischen Verdichtung des Satzes und der kreativen Teilnahme am Oberstimmengeschehen absolut vorbildlich: historisch informiertes Continuospiel vom Allerfeinsten. Christoph Genz erweist sich trotz gelegentlich spürbarer stimmlicher Müdigkeit als großartiger Evangelist, der die anspruchsvolle Erzählfunktion dieser Partie überzeugend umzusetzen versteht. Gerlinde Sämann steigert die „Zerfließe“-Arie mit faszinierender Ruhe und bezwingend schlichter Expressivität zu einem einzigartigen Trauerszenario; selten haben wir zudem sämtliche an dieser besonderen Arie beteiligten Kräfte so vollkommen im Einklang erlebt – geradezu ein Schlüsselerlebnis mit Bachs Musik.
Vieles wäre noch zu erwähnen; die Qualität dieser „Johannes-Passion“ steckt nicht nur in der stringenten Gesamtanlage der Interpretation, sondern auch in vielen Details wie der geschmackvollen Verzierung des (von Sigiswald Kuijken selbst ausgeführten) Gambenparts in den Rahmenteilen der Arie „Es ist vollbracht“. Wer das Werk kennt und liebt, sollte diese Aufnahme besitzen.

Michael Wersin, 21.04.2012



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