Frédéric Chopin

Balladen 3 und 4, Fantasie op. 49, Mazurken u.a.

Yevgeny Sudbin


BIS/Klassik Center BISSACD-1838
(70 Min., 7/2010 & 1/2011) SACD

Es ist schon ein Kreuz mit der vierten Ballade. Je mehr man sich in die ersten Seiten versenkt, umso mehr fällt einem auf, dass die Gestaltung der thematischen Charaktere von einer Schwierigkeit, einer Komplexität ist, an der man sich ein Pianistenleben lang abmühen könnte. Zwei Nachzügler des Chopin-Jahres, Yevgeny Sudbin und Amir Katz, junge, seriöse Interpreten sind sie beide, machen sich auf die schwierige Balladenfahrt.
Sudbin beginnt dynamisch einigermaßen nivelliert und spannungsarm. Die nervösen Wendungen dieses Themas, die fast unspielbar dichten Notationen Chopins deuten es an, sind ja fast ein Seismogramm. Hier bleibt seine Kurve bei aller Phrasierungs-Akkuratesse flach. Selbst wenn das Thema dann akkordisch gestärkt wiederkehrt, ist seine energisch drängende Ladung gering. Auch der Beginn der f-Moll-Fantasie hörte sich unter Sudbins Händen eigentümlich dürr und stockend an, das wunderbare Seitenthema mechanisch gehackt. Nach den früheren Auftritten Sudbins auf der CD bin ich doch enttäuscht, auch wenn etwa am filigran in seine motivischen Partikel zerlegten Thema der As-Dur-Ballade aufblitzt, was hätte werden können.
Katz füllt den dramaturgischen Rahmen mit mehr Leben. Bestechend gelingt der Beleuchtungswechsel beim Eintritt der Reprise der f-Moll-Ballade, wenn das Thema nach dem dolcissimo-Vorhang in seltsam knochenbleichem Kanon eintritt. Aber auch er verliert seinen Weg irgendwann. Sobald das zweite Thema in Sechzehntelgirlanden gehüllt prächtig vorbeischreitet, rennt er durch diesen glorreichen Moment, als gelte es noch zu beweisen, wie gut die Finger laufen. Das tun sie bei beiden, wobei mir scheint, Katz habe dann manuell doch noch etwas mehr zuzusetzen in der packend hingelegten Coda.
Katz agiert auch in den Impromptus feinsinnig und geschmackvoll. Aber jener bohrenden Intensität und fast morbiden Eleganz, die ein großer Chopinist einbringen sollte, begegnen wir bei beiden nicht. Das ist dann doch eher hohe Unverbindlichkeitskultur.
Dennoch, man kann beide Recitals mit Vergnügen anhören, das künstlerische Niveau ist unvergleichlich höher als bei all den Otten, Wangen oder Schepsen und was an Meerwundern sonst noch so angespült wird. Aber zu den epochalen Entwürfen der Interpretationsgeschichte ist es noch sehr, sehr weit.

Matthias Kornemann, 21.04.2012


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