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Peter Iljitsch Tschaikowski, Aram Khatchaturian, Igor Strawinski

Black Swan Fantasy (Arrangements von Pletnev, Pabst, Rosenblatt und Solin)

Nikolai Tokarev

Sony 88691 907652
(64 Min., 4, 5 & 7/2011)

Oh wie schwer ist es heutzutage, sich als aufgehender Stern im Marktgeschehen zu positionieren. Der Markt heißt in diesem Fall „Kulturbetrieb“, „klassischer“ noch dazu – kann das, darf das überhaupt ein „Markt“ sein? Die nüchterne Antwort lautet wohl: Wenn man mit klassischer Musik reich werden will, dann muss man seine Haut zu Markte tragen. Aber ob es zwischen gleißendem Weltruhm einerseits und glanzarmem Musikschullehrerdasein andererseits vielleicht noch einige Nischen gäbe, in denen man auch ohne immer wieder neu inszenierten Presserummel gut arbeiten und recht anständig verdienen kann ‒ mit dieser Frage muss sich vermutlich jeder Kandidat, der in die Mühlen des Marktes geraten ist, ganz individuell auseinandersetzen.
Im Fall von Nikolai Tokarev, geboren 1983 in Moskau, zunächst in Japan sehr berühmt geworden und jetzt in Europa auf dem Vormarsch, stellt sich vor oben angerissener Hintergrundthematik z.B. die Frage, warum er uns nicht mehr von seinem Schubert, Chopin, Debussy zeigt, und ob er darüber hinaus auch bei Schumann, Brahms oder gar Beethoven eventuell etwas zu sagen hätte. Vermessene Forderungen eines im westeuropäischen Raum verankerten Kritikers? Dazu müsste man Russen wie Sviatoslav Richter oder Emil Gilels fragen: Sie hielten es offenbar für geboten, sich ausführlichst mit dieser Literatur auseinanderzusetzen, und ihre Plattenfirmen (sie heißen noch genauso wie die heutigen) haben sie die Werke jener Komponisten zuhauf einspielen lassen.
Stattdessen präsentiert Tokarev nun als fünfte CD bei seinem Label Sony ein Programm mit Bearbeitungen von Orchestermusik des 20. Jahrhunderts: Mikhail Pletnevs Klaviersuite über Tschaikowskis „Nussknacker“, Paul Pabsts „Dornröschen“-Fantasie nach Tschaikowski, Alexander Rosenblatts Suite-Fantasie über Themen aus „Schwanensee“, dazu Strawinskis eigene Transkriptionen über drei „Petruschka“-Sätze, aber auch Lev Solins „Säbeltanz“-Paraphrase nach Khatchaturian, als Zugabe gewissermaßen.
Man muss differenzieren: Alexander Rosenblatt ist ein 1956 in Moskau geborener Komponist, dessen Bearbeitungen weit mehr sind als nur Paraphrasen. Er entwickelt das entlehnte Themenmaterial stets hochkreativ weiter, bringt mit Geschmack auch fetzige Jazz-Elemente ein; Tokarev hat sich seiner Musik schon mehrfach mit Erfolg zugewandt, und auch auf dieser CD ist die „Rosenblatt-Phase“ die einzige wahre Freude. Dagegen fallen die anderen Neuaufgüsse der Ballettliteratur deutlich ab: Freilich versteht es ein erstklassiger Pianist wie Pletnev auch als Bearbeiter, sein Instrument vorteilhaft zum Einsatz zu bringen und wohlgesetzte Effekte zu reihen. Aber reicht es nicht, wenn Pletnev selbst das spielt? Es ist wohl müßig, diese Frage zu diskutieren: Tokarev kann sich mit diesen Nummern als unermüdliches Energiepaket (sein Motto: „Immer zornig, immer hungrig“) präsentieren. Das macht er immerhin sehr gut, wenngleich das Gedonner den sensibleren Hörer schon bald ermüdet. Was fehlt, sind Ruhe, Besonnenheit, Nachdenklichkeit, Vielschichtigkeit, Farbenspiele, Zwischentöne … Aber was soll das Lamento? Tokarevs Image heißt eben nicht „Philosoph am Klavier“.

Michael Wersin, 28.04.2012



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