Bedřich Smetana

Die verkaufte Braut (in der Uraufführung der authentischen deutschen Fassung)

Dorothea Röschmann, Kurt Streit, Anton Scharinger, Elisabeth Kulman, Yasushi Hirano, Elisabeth von Magnus, Ruben Drole, Markus Schäfer, Heinz Zednik, Bibiana Nwobilo, Nenad Marinkovic, Arnold Schoenberg Chor, Chamber Orchestra of Europe, Nikolaus Harnoncourt, Philipp Harnoncourt


Styriarte Festival-Edition 004.2012
3 CDs & 1 DVD, kompletter Audio- und Video-Opernmitschnitt + Probendokumentation, Begleitbuch

„Es muss brennen in jedem seine tschechische Großmutter!“ Mit dieser Aufforderung feuerte Nikolaus Harnoncourt im Juli 2011 seine Musiker nach der letzten Probe zur „Verkauften Braut“ nochmals an. In den zwei Wochen zuvor ließ er seine Truppe ausgiebig die hemiolischen Furiant-Verschiebungen und Polka-Wechselschritte exerzieren. Denn Smetanas Buffo-Streich sollte auf dem Styriarte-Festival unter den Händen des 81-jährigen Jungbrunnens, der nach eigenem Bekunden schon immer ein besonderes Faible für das Tschechische verspürte, etwas anderes werden als der abgehalfterte Komödienstadel mit böhmischen Tanz-Nummern, zu dem normalerweise Sonntagnachmittags Busladungen in Stadttheater gekarrt werden.
Zunächst: Es erklang erstmals überhaupt – man glaubt es kaum – die authentische deutsche Fassung. Sie tauchte 2010 per Zufall antiquarisch in Gestalt des ersten gedruckten Klavierauszugs auf, in dem jener deutsche Text (unter dem tschechischen) notiert ist, den Smetana 1869 bei Eduard Züngel in Auftrag gab und den er dann mit roter Tinte in seine autografe Partitur eintrug (wohl wissend, dass die deutsche Fassung weit mehr internationalen Erfolg haben würde als die tschechische).
Die Züngel-Übersetzung des Karel Sabina-Librettos ist konturierter, konkreter als die heute übliche, gefällige des Brahms-Freundes Max Kalbeck. Damit kommt sie Harnoncourts eigentlichem Anliegen entgegen, nämlich Buffonesk-Beschwingtes auf „tiefere“ Hintergründe zu befragen (womit er bekanntlich schon seinen Salzburger „Figaro“ von 2006 zum Psycho- und Revolutionsdrama auflud). Wie Mozarts „toller Tag“ hat auch die „Verkaufte Braut“ des Mozart-Adepten Smetana das Zeug dazu. Das unwürdige Geschachere um Marie ist dem Harnoncourt‘schen Vater-Sohn-Gespann – Philipp Harnoncourt führte Regie in der halbszenischen Aufführung – mehr als nur Kirmes-Belustigung, Mitgiftjägerei und Dorfdeppen-Komik. Die seelischen Verletzungen Maries, aber auch das gewitzt-hintersinnige Changieren ihres (sozial deklassierten) Jeník-Geliebten sind ihnen ebenso wichtig. So warf ihre Grazer „Braut“ – in ausgewogenem Maß – neben dem wahrlich knalligen Tanzfest auch ernstere, subtil-psychologische Fragen auf, zumal die Sängerriege, zuvorderst eine anrührend-glaubwürdige Dorothea Röschmann, das Konzept mit vollem Engagement, stimmlich wie schauspielerisch, mittrug. Da fallen denn auch Einwände wie der gegen das mitunter ausufernde Vibrato von Kurt Streits strahlendem Jeník-Tenor kaum ins Gewicht.
Erfreulich ist nicht zuletzt auch die luxuriöse CD- und DVD-Box des Grazer Mitschnitts. Und schmunzeln darf man über die „Raupen“- bzw. „Amore“-Bahn von 1926, die man zur knallbunten Dekoration eigens für die Grazer Kirmes-Bühne restaurierte: Ihre im Kreis fahrenden Wagen überdeckten damals die Schausteller, je nach Laune, mit Planen, auf dass die darin sitzenden Paare ‚engere Beziehungen‘ pflegen konnten. Allerliebst.

Christoph Braun, 05.05.2012


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