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Antonio Vivaldi, Theo Bleckmann, Uri Caine

Le quattro stagioni, The Four Seasons

Aitor Hevia, Aarón Zapico, Forma Antiqua, Theo Bleckmann, Uri Caine

Winter & Winter/Edel 1001852WIN
(53 Min., 7 & 10/2011)

Was tun mit Vivaldis „Vier Jahreszeiten“? Zwar handelt es sich um ein frühes Beispiel für „Programmmusik“, komponiert auf vier vermutlich von Vivaldi selbst stammende Jahreszeiten-Sonette. Aber es sind eben, Jahreszeiten-Bezug hin oder her, doch auch „nur“ Violinkonzerte. Nachdem der Virtuositätsaspekt v.a. im Bereich der Solopartie nun auch vor dem Hintergrund der historisierenden Spielpraxis einigermaßen ausgereizt zu sein scheint, sucht man nach alternativen Wegen, diese Musik immer wieder aufs Neue interessant zu machen: ungewohnte Artikulation, ungewohnte klangliche Effekte wie z.B. Spielen in Stegnähe bis hin zum Beinahe-Geräusch, vehementer Umgang mit dem Bogen, aber auch Glissandi und manches mehr. Hinzu kommen improvisatorische Elemente, die auch bewusst in Richtung Stilbruch zielen können, wie man auf dieser CD hin und wieder erlebt. Die plastischen literarischen Bilder, die die Sonette bieten, sind offenbar eine unerschöpfliche Inspirationsquelle für alle Arten von interpretatorischem Schnickschnack. Vivaldi hätte sich wohl nicht träumen lassen, was man mit seinen Partituren alles anstellen kann. Diese Einspielung liefert zu den genannten Punkten eine Menge neue Ideen, wobei Hypertrophie und leichte Hysterie gelegentlich mehr als nur eine vage Gefahr am Horizont sind, während bei den „basics“ – genauer gesagt, bei der Intonation – im Zusammenspiel von Solist (Aitor Hevia) und Orchester gelegentlich Abstriche in Kauf genommen werden müssen.
Die vorliegende Veröffentlichung verfolgt aber in puncto „Popularisierung“ der „Jahreszeiten“ noch eine andere Spur: Timothy Kotovich hat auf Basis der originalen italienischen Vivaldi-Sonette vier englischsprachige Jahreszeitengedichte verfertigt; der Jazzsänger Theo Bleckmann hat diese Gedichte zusammen mit Uri Caine vertont. Man kann nicht sagen, dass Lieder daraus geworden wären; es handelt sich eher um kleine Szenen für Stimme und Klavier, atmosphärisch umströmt von diversen Geräuschen und Klängen. Wo gesungen wird (im „Frühling“ und im „Herbst“), mag man sich an Bleckmanns ansprechender Stimme freuen. Wo vor einer Geräuschkulisse gesprochen wird (im „Sommer“ und im „Winter“) mag man sich fragen, wie es mit der Konsistenz, dem inneren Zusammenhalt des Ganzen bestellt ist. Schon die „modernen“ Nummern für sich genommen sind jedenfalls ein Stilmischmasch, ein Crossover-Produkt vor dem Hintergrund populärer musikalischer Ausdrucksformen. Zu Vivaldis guten alten „Jahreszeiten“ stehen sie nochmal komplett quer. Was will uns diese Zusammenstellung sagen? Vielleicht sollte man sich als Hörer nicht allzu intensiv auf Sinnsuche begeben …

Michael Wersin, 05.05.2012



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