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Mauricio Kagel

Chorbuch, Les inventions d´Adolphe Sax

Cor de Jong, Sepp Grotenhuis, Klass Stok, Raschèr Saxophone Quartet, Mauricio Kagel, Niederländischer Kammerchor

Winter & Winter/Edel 1001912WIN
(53 Min., 12/2007)

Von den 50 Jahren, in denen der gebürtige Argentinier Mauricio Kagel in Köln lebte und arbeitete, ging es vier Jahrzehnte lang nicht mit rechten Dingen zu. Mit einem geradezu anarchistischen Hintersinn schreckte er musikalische Rituale, Traditionen und Moden auf, indem er mit seinen Klang-Demontagen und -Doppelbelichtungen dem Ohr ein Bein stellte. Und dass man in diesem Reich des Absurden nicht in den Keller gehen musste, um mindestens zu schmunzeln, stand bei ihm stets so fest wie das Amen in der Kirche. Zwei CDs mit Werken des 2008 verstorbenen Eulenspiegels der Neuen Musik sind jetzt erschienen, auf denen es jeweils auch ein Stück aus seinen letzten Lebensjahren gibt. Und weil bei Kagel die Irritation oftmals schon im Werktitel beginnen konnte, hatte er 2002 nicht einfach ein Konzert für Flöte und Orchester komponiert. Bei ihm heißt es „Das Konzert“ und trägt damit einen mehrdeutigen Titel. Gab Kagel damit zu, sich nur dieses eine Mal mit dieser Gattung zu beschäftigen? Oder wollte er nur wieder seine Zweifel zum Ausdruck bringen, ob es überhaupt jemals den Idealtypus eines Konzerts gegeben hat? Zumindest einsätzig ist das halbstündige Werk ausgefallen. Und obwohl in der Aufnahme der Uraufführungsflötist Michael Faust die Farbströme Debussy´scher Prägung zelebriert, kommt das Konzert mit seinen geheimnisvollen Aromen und seiner gespenstischen Gezacktheit eher einer Böse-Nachtgeschichte nahe. Gehetzt schien sich Kagel dagegen Mitte der 1980er Jahre, in seinen „Phantasiestücken“, auf die Spuren von Schumann gemacht zu haben.
Dass Kagel sich oft und produktiv mit den Leuchttürmen der Musikgeschichte auseinandergesetzt hat, weiß man spätestens seit seiner etwas anderen, abendfüllenden Bach-Biografie „Sankt-Bach-Passion“ von 1985. Doch schon fast ein Jahrzehnt früher übersetzte er 53 Texte von Bach-Chorälen in seine urtypisch skurrile bis beklemmende Klangsprache. Bei der Einspielung von 16 ausgewählten „Chorbuch“-Gesängen mit dem Nederlands Kamerkoor kommt Kagels Lust an der humorvollen Zersetzung / Neubelichtung etwas überdreht daher. Als authentisch darf man die Aufnahme von 2007 aber schon deswegen bezeichnen, da Kagel nicht nur dirigierte, sondern greisenhaft und doch insgeheim grinsend das „Chorbuch“-Stück Nr. 10 zum Besten gab. Mit französischem Flair und legerem Charme kommt stattdessen die Kantate „Les inventions d´Adolphe Sax“ (2004/05) für Chor & Saxofonquartett daher. Es ist eine Hommage an den Saxofonerfinder, für die Kagel u.a. eine historische, sicherlich mit spannenden Anekdoten gespickte Biografie verarbeitet hat. Leider nur bleibt man da ziemlich unwissend zurück, da im Booklet das Libretto fehlt.

Guido Fischer, 19.05.2012



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