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Anton Bruckner

Sinfonie Nr. 9 (viersätzige Version mit rekonstruiertem Finale)

Berliner Philharmoniker, Simon Rattle

EMI 9529692
(82 Min., 2/2012)

Eine Bruckner-Sensation, zweifellos. Und doch schwankt man zunächst zwischen Irritation und Begeisterung: die Neunte endlich vollständig, nach gut 105 Jahren Torso-Dasein!? Nicht, dass es bislang keine Versuche gegeben hätte, ihr skizzenhaft überliefertes Finale zu rekonstruieren, etwa von William Carragans, und dieses – zumindest in den Fragmenten – auch aufzuführen, etwa von Inbal oder Harnoncourt. Aber der Traditionsweihrauch, wonach der tief gläubige Bruckner sein Lebenswerk mit dem Adagio der Neunten, seinem scheinbar so ins Jenseits blickenden „Schwanengesang“, abgeschlossen habe, wurde noch nie so stark zerstoben wie jetzt durch Simon Rattle und seine Philharmoniker, die mit ihrer vollständigen, formal geschlossenen Fassung auch – wenn man so will – eine innermusikalisch-„weltliche“ Fassung präsentieren, die auch ohne pseudosakrale Aufladung fasziniert.
Von den nach Bruckners Tod weit zerstreuten, nun zusammengeführten Final-Skizzen sind, wie Sir Simon im Booklet ausführt, neun Zehntel „entweder in voller Partitur ausgeschrieben oder lassen sich eindeutig aus den umfangreichen Skizzen rekonstruieren“; nur den kleinen Rest von 28 Takten haben Nicola Samale, Giuseppe Mazzuca, John Philipps und Benjamin-Gunnar Cohrs in „forensischer“ Manier hinzukomponiert – nach Material, das „bereits vorhanden war“. Wenn dem wirklich so ist, dann muss man neben der Bewunderung für das Endergebnis nur kopfschüttelnd fragen: warum erst jetzt? Warum kümmerten sich die Pultheroen der ehrfürchtigen Bruckner-Tradition nicht darum? Durfte ihr heiliger Bruckner-Altar mit dem Adagio-Tabernakel nicht angetastet werden?
Wie auch immer: Jene vier ausgewiesenen Kenner haben eine aufregende Rekonstruktions-Arbeit geleistet. Sie offenbart, dass die Neunte – noch mehr als die Fünfte und Achte – eine Synthese des Linzer Meisters darstellen sollte. Das Finale weist im Rahmen der Rondo- und Variationenform die übergreifenden Drei-Themen-Blöcke sowie neben choralartigen Hymnenpassagen eine an Beethoven angelehnte dynamische Motivarbeit und eine gewagt-instabile Tonsprache auf, die erst in der Coda zum triumphalen D-Dur sich aufschwingt. (Womit auch die tonal höchst fragwürdige Aufführungstradition endlich korrigiert wird: Niemals hätte Bruckner ein d-Moll-Werk in E-Dur, dem Adagio-Schluss, enden lassen).
Und Sir Simon? Er dirigiert die gewaltige viersätzige Apotheose zunächst etwas leichtgewichtig, bei aller (makellosen) Opulenz seines Eliteensembles. Der Engländer ist in den ersten drei Sätzen mehr Lyriker und „Dynamiker“ als scharfer Konturenzeichner, so dass die pastoralen Passagen wunderbar aufblühen und die großformatigen Spannungsbögen wahrlich bedrohlich anschwellen; aber die blockhaften Katarakte und abrupten Abbrüche besitzen nur wenig Kontrastwirkung. Auch die zukunftsweisende Sprache des Adagios wird – vielleicht im Vorblick auf das (neue) Finale – ein wenig ihrer existentiellen Sprengkraft beraubt (was schon am „temperiert“ angegangenen Nonensprung zu Beginn zu vermerken ist). Im Finale allerdings wächst Rattle an seinen grandiosen Aufgaben; hier spürt man unbesehen einiger weniger „Leerlauf“-Takte durchweg ein mitreißendes „Uraufführungs“-Fieber. Es sollte dieser „neuen“ Neunten zum Durchbruch verhelfen und die vermaledeite Rezeptionsgeschichte wenn nicht beenden – dafür ist die Legendenbildung wohl zu mächtig –, sie jedoch zumindest in die Schranken weisen.

Christoph Braun, 23.06.2012



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