Wizlaw III. von Rügen, Peter von Ahrberg, Meister Alexander, Anonymus

Hameln 1284 ‒ Auf den Spuren des Rattenfängers

Norbert Rodenkirchen, Giuseppe Cecere, Wolfgang Reithofer


Christophorus/Note 1 CHR 77359
(59 Min., 12/2011)

„Welche Musik spielte eigentlich der Rattenfänger von Hameln?“ Klingt nach einer Scherzfrage, erweist sich aber bei näherer Recherche als gar nicht so unergiebig. Schließlich beruht die Sage vom Rattenfänger, der mit seinem Spiel erst die Nager und dann den Nachwuchs von Hameln aus den Mauern des niedersächsischen Städtchens lockte, auf einem historischen Kern. Denn 1284 trat den Chroniken zufolge tatsächlich ein fahrender Musiker in der Stadt auf – und dieses Ereignis hat der Sagendichter vermutlich mit der von Niederdeutschland ausgehenden Ostkolonisation in Verbindung gebracht.
Norbert Rodenkirchen wiederum hat von hier aus den Faden weitergesponnen und gelangte zu dem slawischen Fürsten Wizlaw III. von Rügen und seinem Lehrer, dem geheimnisvollen „Meister Ungelart“ und seiner „senenden weise“. Rodenkirchen ergänzte dieses Repertoire mit weiteren Weisen Wizlaws, zeitgenössischen Tänzen sowie geistlichen und weltlichen Kompositionen zu einem träumerischen Programm, das trotz der sanften Herbheit mittelalterlicher Musik auch für moderne Ohren ein erhebliches Verführungspotenzial entfaltet. Dies liegt vor allem an der Nuancierungskunst, mit der Rodenkirchen die selten zu hörenden mittelalterlichen Traversflöten traktiert. Mal solo, mal mit einer ökonomisch eingesetzten, aber farbenreichen Begleitung belebt er den Klang mit lockenden Verzierungen, aufreizenden Überblasungen, subtilen Seufzern und lebendigem Atem und erzeugt so einen Sog, der tatsächlich hypnotisieren kann.

Carsten Niemann, 23.06.2012


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Eine soziale Einrichtung als Motor der Musikgeschichte: Antonio Vivaldi blieb dem Ospedale della Pietà in Venedig, einem Waisenhaus für höhere Töchter, bis auf wenige Reisejahre fast lebenslang als Lehrer verbunden. Er profitierte nicht nur vom rein weiblich besetzten Spitzenorchester, das stets züchtig hinter einem Gitter musizierte - was die Fantasie der zuhauf anreisenden Kulturtouristen eher erhitzte als kühlte. Das enorme Spektrum an Instrumentalfarben und die Kompetenz der für ihren Unterricht angestellten Musiker wirkte sich befruchtend auf seine Kompositionen aus. Das Studium der Oboe war an der Pietà ab 1707 hauptamtlich besetzt, und wahrscheinlich schneiderte Vivaldi einige Oboenkonzerte einer Schülerin auf's Doppelrohrblatt, die als "Pellegrina" bis zu ihrem Tod mit 77 Jahren in den Unterlagen geführt wird. Eines seiner Konzerte für Fagott gefiel dem Roten Priester offenbar so gut, dass er es (heute unter der Ryom-Verzeichnisnummer RV450) dem Oboenklang und -spielweise anverwandelte, um dann denselben Ohrwurm nochmal 1735 einer Arie seiner Oper "Griselda" zu unterlegen, so dass sich die Melodie wie musikalische DNA gleich durch mehrere seiner Schöpfungen zieht. Xenia Löffler, Oboistin der Akademie für Alte Musik Berlin, hat mit ihren Kollegen ein Album eingespielt, dass der Blütezeit ihres Instrumentes in der Serenissima des 18. Jahrhunderts nachspürt, in Werken Vivaldis, Marcellos, Portas, ergänzt um eine Neuschöpfung in barockem Geiste von Uri Rom. Und man muss ihr recht geben - so spielerisch virtuos und zugleich seelenvoll wie in den Palazzi am Canale Grande klingt die Oboe in den Konzerten der folgenden Jahrhunderte so schnell nicht wieder.