Responsive image

Lifeline

Rolf Kühn, Joachim Kühn

Impulse/Universal 2786480
(75 Min., 10/2011)

Wenn sich die musikalischen Lebenslinien der Brüder Rolf und Joachim Kühn kreuzen, entsteht immer etwas Bemerkenswertes. So etwa im Jahr 1967, als die beiden Deutschen für die legendäre Plattenfirma Impulse in New York ein Doppelalbum einspielten, das den amerikanischen Kritikerpapst Nat Henthoff zu wahren Lobeshymnen hinriss.
Fast ein halbes Jahrhundert später erscheint erneut eine Platte des Bruderpaares unter dem Impulse-Signet –
wenn man weiß, dass die schon lange nicht mehr eigenständige Firma heutzutage nur noch als Reissue-Label fungiert, kommt dieser Umstand einem weiteren Ritterschlag gleich.
Völlig zu Recht: Rolf, der 1929 geborene Klarinettist, und Joachim, sein 14 Jahre jüngerer Bruder am Klavier, betreiben hier keine nostalgische Selbstbeweihräucherung, sondern transportieren den von John Coltrane begründeten Impulse-Spirit radikal in die Gegenwart.
Gemeinsam mit Wayne Shorters Traum-Rhythmusgespann – John Patitucci am Bass und Brian Blade an den Drums – machen sich die Kühns auf zu einem Abenteuertrip ins Reich der spontanen Interaktionen. Schroffe, zuweilen an Monk gemahnende Unisono-Themen dienen dem Quartett als grobe Wegbeschreibungen. Bis zum Erreichen des Ziels kann da viel passieren. Mal begibt man sich im Rahmen von aneinandergereihten Zwiegesprächen auf die Suche („Lion’s Speech“), mal vertieft man sich gemeinsam in das Studium einer verzwickten kompositorischen Landkarte („Vogelfrei“).
Ein nie zuvor aufgenommenes Ornette-Coleman-Stück bringt die Philosophie dieses Albums bündig auf den Punkt: „Researching Has No Limits“. Für Rolf, den überlegenen Klarinetten-Strategen, und den stets unbändig voranpreschenden Joachim schließt sich keinesfalls ein Lebenskreis – hier wird vielmehr ein neuer aufgemacht.

Josef Engels, 23.06.2012



Diese CD können Sie kaufen bei:


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Werk und Biografie: Immer wieder führt dieses Spannungsfeld zu Einsichten in Komponistenleben, die Rätsel aufgeben oder einen zumindest staunen machen. Nikolai Mjaskowski zum Beispiel kam aus einer russischen Offiziersfamilie, ging auf die Kadettenschule, später auf die Petersburger Akademie für militärisches Ingenieurwesen und wurde anschließend, wie sein Vater, Offizier. Daneben aber komponierte er, und dieses Oeuvre hat mit Drill und militärischer Strenge so gar nichts zu tun. […] mehr »


Top