Franz Schubert

Die 10 Sinfonien, sinfonische Fragmente

Academy of St. Martin in the fields, Neville Marriner


Decca/Universal 4806145
(364 Min., 1981-83)

Franz Schubert hat es sich mit seinen Sinfonien nicht leicht gemacht, und Schuberts Sinfonien haben es in puncto Rezeption auch nicht leicht gehabt: Die ersten sechs wurden lange Zeit verschmäht und verleugnet – sogar von Koryphäen wie Johannes Brahms, der als Mitarbeiter an der ersten Schubert-Gesamtausgabe (1884-1897) meinte, diese Stücke sollten nicht veröffentlicht, sondern allenfalls „mit Pietät bewahrt“ werden. Die „Unvollendete“ wurde freilich als Ausnahmewerk anerkannt, aber gleichzeitig als Gegenstand verschiedenster Spekulationen mystisch überhöht; die „Große C-Dur-Sinfonie“ immerhin konnte sich bald (aber doch erst posthum) den verdienten Meisterwerk-Status erringen.
Aus dem Zeitraum zwischen der Entstehungszeit der „frühen Sechs“ und dem frühen Tod des Meisters ist außerdem eine Reihe von sinfonischen Fragmenten überliefert, die eindrucksvoll belegen, wie engagiert sich Schubert nach der „Unvollendeten“, die wohl auch für ihn selbst ob ihrer Andersartigkeit ein lähmendes Schockerlebnis gewesen sein muss, geplagt hat beim Erarbeiten einer eigenen sinfonischen Tonsprache. Diese Fragmente unterschiedlicher Länge hat der britische Musikwissenschaftler Brian Newbould (geb. 1936) seit Ende der 1970er Jahre sorgsam erforscht und durch kompetente Ergänzung aufführbar gemacht. Anfang der 1980er Jahre nahm die „Academy of St. Martin in the Fields“ unter Neville Marriner dann erstmals sämtliche komplette Sinfonien zusammen mit den Fragment gebliebenen Werken in Newboulds Bearbeitungen für Philips auf. Ein Meilenstein der Schubert-Rezeption, nun bei Decca verfügbar als 5-CD-Box – bedauerlicherweise allerdings ohne das ausführliche Beiheft der Original-Edition, in dem Newbould zu seiner faszinierenden Arbeit ausführlich Stellung nimmt; dieser Text ist für das Verständnis dessen, was der Hörer hier präsentiert bekommt, eigentlich unverzichtbar.

Michael Wersin, 30.06.2012


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.



« zurück

CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der
RONDO-Redaktion

Zu den zahlreichen Widersprüchen im Leben von Richard Strauss gehört auch, dass er zwar ein gutbürgerliches Dasein mit Plüschsofa und Sonntagsbraten zu schätzen wusste, aus seiner Abneigung des Bürgertums und der Religion - zumindest im Konzertsaal - keinen Hehl machte. Ein Jahr, nachdem er den Philistern mit seinem Satyrspiel vom "Till Eulenspiegel" eine lange Nase gedreht hatte, ließ der 32jährige sein Opus 30 "Also sprach Zarathustra" in Frankfurt uraufführen. Der berühmteste Sonnenaufgang der (Film-)Musikgeschichte ist schließlich nur der Vorhang zur aufwändig und kulinarisch instrumentierten Tondichtung über Fall und Aufstieg des Philosophen (in dem sich dessen Autor Friedrich Nietzsche zu einem guten Teil selbst porträtierte). Der eingängige Dreiklang des Beginns durchzieht als Tonchiffre der Natur das ganze Werk wie eine Mahnung, an der sich der Erleuchtete abzuarbeiten hat. Den trieb die Sehnsucht unter die stumpfe Herde seiner Mitmenschen, die - mit Straussschem Tonwitz persifliert - völlig der Religion und der trockenen Wissenschaft hörig sind. Genesung bringt dem Enttäuschten das göttliche Vergnügen des Tanzes (bei Strauss ein schwungvoller Walzer), bevor zum guten Schluss der menschliche Geist Zarathustras in überirdisch leuchtendem H-Dur-Akkord seinen Frieden findet. Das SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg kombiniert unter seinem Chef François-Xavier Roth in der neusten Folge aller Strauss'schen Tondichtungen nun den "Zarathustra" mit dem Poem "Aus Italien" und besticht durch straffe Tempi und einen warmen, seidigen Orchesterklang, der - von der Tontechnik tiefenscharf eingefangen - die unzähligen Klangvaleurs Straussscher Instrumentation zum Leuchten bringt.