Edmund Meisel

Berlin ‒ Die Sinfonie der Großstadt (Filmmusik)

Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin, Frank Strobel


Capriccio/Naxos C5067
(63 Min., 9/2007)

„Ich lauschte Stunden um Stunden in den Großstadtlärm hinein, notierte mir die Tempi der Geräusche, das Klingeln der Straßenbahnen, das Hupen der Autos, den Rhythmus nächtlicher Schienenarbeit“ – so beschrieb der Komponist Edmund Meisel (1894-1930) seine Vorarbeit an der Filmmusik zu Ruttmanns 1927 uraufgeführtem Stummfilmklassiker. Auch wenn Meisel nicht die motivische Fantasie eines Schostakowitsch oder Paul Dessau besaß, so gelang ihm dennoch eine der wichtigsten Filmmusiken der Zeit: Progressiv in der Tonsprache überführt sie Alltagsgeräusche in sinfonischen Sound, arbeitet auch mit Vierteltonklängen und bezieht sogar eine Jazz-Combo in den Klang mit ein. Obwohl eng mit dem Bild verzahnt, ist sie keinesfalls bloße Illustration, sondern bietet mit ihren geradezu punkig hämmernden Maschinenrhythmen, trutzigen Arbeiterfugen und sachlichen Architekturimpressionen ein noch immer packendes Großstadtporträt.
Dass man dieses Schlüsselwerk in seiner ursprünglichen Konzeption hören kann, ist dem 1957 geborenen Komponist Bernd Thewes zu verdanken: Er hat Meisels Musik, die lediglich in einem Klavierauszug erhalten ist, akribisch nach recht genauen Instrumentationsangaben des Komponisten rekonstruiert. Unter Frank Strobels zupackendem Dirigat weiß Meisels Großstadtsinfonie sogar ohne Bild zu fesseln; dennoch werden echte Cineasten auf die 2007 erschienene DVD-Ausgabe des frisch rekonstruierten Films in der Edition filmmuseum zurückgreifen, die neben der vorliegenden Einspielung u.a. auch Kurzfilme Ruttmanns mit originalen Filmmusiken von Meisels Zeitgenossen Hanns Eisler und Max Butting enthält.

Carsten Niemann, 07.07.2012


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.



« zurück

CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der
RONDO-Redaktion

Wirklich nur "Melancholie des Unvermögens"? Dem giftgezähnten Kanzelspruch Friedrich Nietzsches über Johannes Brahms mag man sich nicht mehr anschließen, wenn man von der vollmundigen Reife seines Chorwerks auch nur gekostet hat. Unvermögen nein, Melancholie: aber ja! Sein Schaffen im letzten Lebensdrittel ist bei Rücknahme der technischen Mittel zugleich von bittersüßer Wehmut und teilweise auch recht herben Tönen des Verzichts getragen. Diese Klangfarben machen auch die Auswahl an späten Chorwerken, die die Capella Amsterdam unter Daniel Reuss nun aufgenommen haben - blitzblank intoniert, warm im Klang und im Verhältnis der Stimmlagen hervorragend abgeschmeckt - zu einer schönen CD-Empfehlung zum Totensonntag. Der geistliche […] mehr »