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Carlo Gesualdo

Quinto libro di madrigali

The Hilliard Ensemble

ECM/Universal 4764755
(55 Min., 11/2009)

Wer sich vor der allerersten Note die Texte von Gesualdos 5. Madrigalbuch zu Gemüte führt, der befürchtet musikalische Seelenpein mit erheblichen Auswirkungen auch auf die eigene Stimmung. Da seufzt das „elende Herz“ am laufenden Band – angesichts der Liebesqualen, aus denen einen nur der Tod reißen kann. „Siehe, ich sterbe“, ruft denn auch im 11. Madrigal der hoffnungslos Leidende seinem „süßen Schatz“ zu. Als Carlo Gesualdo 1611 diese Herz-Schmerz-Lyrik vertonte, waren schon 21 Jahre seit seiner blutigen Eifersuchtstat vergangen. 1590 hatte der neapolitanische Renaissance- und Musiker-Fürst seine Gattin und deren Liebhaber ermordet, vier Jahre später begann er mit seinem ersten der insgesamt fünf Madrigal-Bücher, die zum Wertvollsten der Gattung zählen. Geradezu visionär und damit ungemein modern wirken die fünfstimmigen Gesänge mit ihren dissonanten Reibungen als Ausdruck menschlicher Zerrissenheit.
Das chromatisch unaufhörliche Flackern durchzieht auch die 21 Madrigale von Gesualdos „Quinto libro di madrigali“. Und selbst ein bisweilen auf dem Fleck tretender, fast minimalistisch wirkender Gesang wie „Mercè grido piangendo“ versinnbildlicht das abgrundtief Dunkle. Dass man dennoch jetzt bei der Gesamteinspielung des 5. Buchs nicht depressiv wird, ist der in sich ruhenden und doch bewegenden Vokalkultur des Hilliard Ensembles zu verdanken. Jede noch so expressive Nuance kommt mit einer betörenden Glockenreinheit und seligmachenden Schönheit daher. Zumal die Hilliards sich diesmal die Sopranistin Monika Mauch wegen ihrer Verkörperung des Makellosen ins (Männer-)Team geholt haben. Und Monika Mauch ist es auch, die das jähe Innenbeben, das die Madrigale durchzieht, zumindest ein wenig besänftigen kann – als wolle sie damit im Namen von Gesualdos Ehefrau Maria d´Avalos dem Sünder doch verzeihen.

Guido Fischer, 07.07.2012



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