Dialect Fluorescent

Steve Lehman


PI Recordings/Codaex PI 42
(46 Min., 8/2011)

Noch steht der 34-jährige New Yorker Altsaxofonist Steve Lehman in der Wahrnehmung bei uns im Schatten der Stars seiner Generation wie Rudresh Mahanthappa oder Vijay Iyer. Ähnlich wie der seiner prominenten Altersgenossen weicht auch sein Hintergrund deutlich von der klassischen Bebop-Sozialisierung ab. Er hat an einer Eliteuniversität neben seinem Instrument auch Kompositionstechnik und dazu Musik- und Literaturwissenschaft studiert. Als Komponist Neuer Musik und als Hochschullehrer ist er international tätig. Als ausübender Musiker ist er Jazz-Altsaxofonist und als solcher geprägt von der Bebop-Legende Jackie McLean, dem konzeptionellen Avantgardisten Anthony Braxton und dem M’Base-Mitbegeründer Greg Osby. In seinen oft größeren Ensembles verwirklicht er eine komplexe Musik, in der Elektronik und Hip-Hop-Einflüsse eine wichtige Rolle spielen.
Jetzt hat er ein rein akustisches Trio-Album vorgelegt. Mit dem Kontrabassisten Matt Brewer und dem Schlagzeuger Damion Reid hat er ein Programm aus fünf Originals und vier Fremdkompositionen aufgenommen. Die Musik klingt faszinierend wie eine von einem imaginären Lee Konitz betriebene Wiedergeburt des Ornette-Coleman-Trios aus dem Geiste der M’Base: Vertrackte, trommelverliebte Schlagzeugrhythmen sind aufs engste mit muskulösen Bassfiguren verwoben; in diese Textur fügt drängend das Altsaxofon ausgefuchste abstrakte Muster. Das ist ungeheuer fesselnd; auf Dauer aber nimmt einem diese dichte Wucht fast den Atem, zumal der Sound die lichte Luft der Becken klein hält.

Thomas Fitterling, 07.07.2012


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Dieser Mann ist ein Phänomen: Nicht erst seit der Film "Pianomania" Einblicke in die verfeinerte, ja zuweilen heikle Klangästhetik Pierre-Laurent Aimards gab, dessen Vorstellungen der hauseigene Klavierstimmer Stefan Knüpfer mit großer Hingabe zu folgen versuchte, ist der Franzose als Perfektionist bekannt. Und auch für seine Einspielung des "Wohltemperierten Klaviers I" von Johann Sebastian Bach dürfte wieder ordentlich am Instrument gefeilt worden sein. Das aber völlig zu recht, muss man zugeben, wenn man die ersten Töne des berühmten C-Dur-Präludiums hört: So fein und singend der Tonkörper des Flügels, so ist zugleich doch immer auch ein deutlicher, "knackiger" Druckpunkt auszumachen, der die Tongebung des Cembalos mit in den Klavierklang hineinnimmt. Dazu kommt Aimards ruhiger Duktus, der die Aufmerksamkeit des Hörers nicht mit virtuosem Schellenklingeln blendet, sondern - detailreich phrasiert - wie an der Hand durch die sauber gestaffelten Stimmverflechtungen und sanglichen Schönheiten dieses Tonarten-Kaleidoskops führt. Einfach bereichernd, dass Aimard - der sich vor allem als Interpret der Werke Messiaens und Boulez' seinen Namen gemacht hat - nun erstmals Bach aufgenommen hat.